Blütenzweig in Eis eingefroren
Foto von Zoltan Tasi auf Unsplash

Frostige Versprechen? Die Promession zwischen Patent und Praxis

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Die Suche nach nachhaltigeren Bestattungsformen als Kremation oder Erdbestattung hat in den vergangenen Jahrzehnten viele neue Ideen hervorgebracht. Manche davon haben den Sprung in die Praxis geschafft, andere blieben Visionen – oder Versprechen. Eines davon ist die Promession: ein neuartiges Bestattungsverfahren, das mit extremer Kälte arbeitet, um den menschlichen Körper möglichst schnell wieder in den natürlichen Kreislauf zurückzuführen. Das Prinzip klingt verheißungsvoll, doch bis heute wurde kein Mensch jemals durch Promession bestattet. Warum ist das so?

Eine Idee aus dem kalten Schweden

Entwickelt wurde das Konzept in den 1990er-Jahren von der schwedischen Biologin Susanne Wiigh-Mäsak, die zeitlebens von Kompostierungsvorgängen fasziniert war. Ihr Anliegen war es, eine Bestattungsform zu entwerfen, die den menschlichen Körper nicht als Abfall, sondern als Teil eines biologischen Kreislaufs begreift und seine Nährstoffe möglichst direkt in diesen zurückführt. Während dies bei kleinen Lebewesen die Natur selbst bewerkstelligt, verrotten größere Lebewesen eher, anstatt sich zu zersetzen. Deshalb war es ihr Anspruch, den Körper so weit aufzubereiten, dass eine Kompostierung und Rückführung in den Boden erfolgen kann.

Nach einer Kühlung auf minus 18 Grad soll ein Körper zunächst in einer von ihr „Promator“ genannten Vorrichtung in einem Bad aus flüssigem Stickstoff auf minus 196 Grad schockgefroren werden. In diesem Zustand, so die Annahme, werde der Leichnam dermaßen brüchig, dass er durch Vibrationen in kleine Partikel zerfalle. Diese werden danach in einer Vakuumkammer gefriertrocknet, wodurch dem Granulat 70% Wasser entzogen wird. In einem nächsten Schritt sollten verbleibende Metalle wie Zahnfüllungen oder Implantate magnetisch entfernt werden. Das organische Pulver von etwa 25-30 kg könne schließlich in einem biologisch abbaubaren Behältnis aus Mais- oder Kartoffelstärke in etwa 40 cm Tiefe in die Erde eingebracht werden, wo es sich innerhalb von 6-12 Monaten vollständig zersetzen und zu Humus werden würde.

Im protestantischen Schweden, in dem Kremation die Hauptbestattungsart darstellt, hätte dies eine erhebliche Reduktion von Emissionen zur Folge. Durch das Einbringen in aerobe Erdschichten in einem kleinen Behältnis könne das gebundene CO2 zurückgegeben und Land gespart werden. 1999 erhielt sie das Patent, etwas später gründete sie das Unternehmen Promessa Organic AB mit dem Ziel, das von ihr entwickelte Konzept zur Marktreife zu bringen. Der wohlklingende Name, der der Methode zugrunde liegt, trägt diese ambitionierte Utopie in sich: das Kunstwort Promessa ist angelehnt an das lateinische promessum, Versprechen.

Kühl betrachtet: Keine Umsetzung

In den frühen 2000er-Jahren sorgte die Promession international für Aufmerksamkeit, wurde als grüne Bestattung der Zukunft oder „Revolution im Totenreich“1 beschrieben. Ein kurioser Umstand ist, dass sie bis heute in Fachhandbüchern, Überblickstexten und medialen Beiträgen immer wieder auftaucht – obwohl sie nie über den Planungsstatus hinausgegangen ist. Für die Idee konnten sich internationale Institutionen und Politiker erwärmen, Interesse wurde aus dreißig Nationen bekundet. Auch bei der Lektüre des Medienechos durch die Jahre wird deutlich, dass das ökologische Potential der Alternative klar erkannt und aufmerksam verfolgt wurde. Schon 2002 hieß es etwa, eine Pilotanlage ginge Ende des Jahres in Schweden in Betrieb. Es gebe keine ethischen oder theologischen Bedenken und rechtlich sei es mit den Bestattungsgesetzen vereinbar.2

Bis heute aber wurde kein Promator entwickelt und keine Anlage gebaut. Auch behördliche Genehmigungen für einen dauerhaften Betrieb blieben aus. Schließlich scheiterte die Promession an der Finanzierung. Der Aufbau einer völlig neuen Infrastruktur erwies sich als wirtschaftlich nicht tragfähig. 2015 ging das Unternehmen Promessa insolvent, was Wiigh-Mäsak auf Widerstände aus der Kremationsbranche zurückführte.

Klirrende Kritik

Ähnlich wie bei der Einführung der Natural Organic Reduction wurden auch hier früh Stimmen laut, die an der Funktionsweise der Bestattungsmethode Zweifel erhoben. Die einzigen dokumentierten Studien wurden an Schweinen und Rindern durchgeführt. Obwohl das Verfahren auf einem 1978 eingereichten Patent für die Gefriertrocknung von Leichen von Philipp Backman basiert, fand eine belastbare Übertragung auf den Humanbereich nie statt. Der schwedische Anatomieprofessor Bengt Johansson der Sahlgrenska-Akademie in Göteborg monierte 2011, dass ein menschlicher Körper auch nach dem Schockgefrieren in flüssigem Stickstoff nicht spröde werde, gefrorenes biologisches Gewebe im Gegenteil sehr widerstandsfähig sei.3 Die Annahme, ein Körper lasse sich durch leichtes Schütteln pulverisieren, widerspreche seinen Erfahrungen mit Kryotechnik: Um eine Zerkleinerung zu erreichen, wäre nach seiner Einschätzung massive mechanische Gewalt notwendig, was jedoch im Widerspruch zum Anspruch der Promession steht, eine besonders sanfte Methode zu sein. Die US-amerikanische populärwissenschaftliche Sendung MythBusters unterzog die technische Plausibilität einer Gefriertrocknung menschlicher Körperteile einer experimentellen Überprüfung und bestätigte diesen Befund.4

Darüber hinaus wurde kritisiert, dass weder belastbare Konstruktionszeichnungen zur Funktionsweise einer entsprechenden Anlage noch Dokumentationen zu ihrer Umweltverträglichkeit vorlägen. Johansson selbst, als Experte für den geplanten Anlagenbau in Jönköping hinzugezogen, weist die von der Erfinderin vorgebrachte Begründung als fadenscheinig zurück, ihre Details nicht offenzulegen, um Ideenklau zu verhindern. Wenn auch alles Weitere im Konjunktiv verbleibt, ist auch der Energieverbrauch eine Leerstelle, die in eine umfassende Umweltbilanz einzubeziehen wäre: Durch den Geschäftsführer wurde alleine die Erzeugung und Kühlung des benötigten Stickstoffes mit etwa 200 Kilowattstunden pro Promession beziffert.5

Immer wieder aufgewärmt?

Das Fortleben in der öffentlichen Wahrnehmung ist also weniger das Ergebnis praktischer Erfolge als vielmehr einer außergewöhnlich intensiven Öffentlichkeitsarbeit und einer griffig benannten Vision. Die Gründerin Wiigh-Mäsak war eine unermüdliche Kommunikatorin, hielt mehrere international beachtete Talks etwa bei Ideacity und TedX, rekrutierte sogenannte Promessa Friends auf der ganzen Welt und bot Masterclasses an, in denen sie Botschafter für die Promession ausbildete. Wiigh-Mäsak war ihrer Zeit vor allem im Marketing voraus: Begriffe wie Promatorium (als Wortschöpfung aus Promession und Krematorium) oder Promator sind eingängig, und erinnern an das neue Vokabular rund um die Reerdigung.

Gleichzeitig führte genau diese gesellschaftliche Präsenz zu Missverständnissen. Noch heute finden sich auf Webseiten einzelner Bestattungshäuser Beschreibungen der Promession, ohne klar darauf hinzuweisen, dass das Verfahren nie verfügbar war.6 Nicht einmal im schwedischen Jönköping, dem Wohnort Wiigh-Mäsaks, wo sie sich bis zu ihrem Tod um eine Umsetzung bemühte. Im Jahr 2020 starb Susanne Wiigh-Mäsak an Krebs. Auf der schwedischen Promessa-Website findet sich heute eine ihr gewidmete Gedenkseite.7 Die Website promessa.se ist nach wie vor online, das Unternehmen auf LinkedIn gelistet und der Wunsch nach einer Verwirklichung noch nicht erkaltet.

Auf Eis gelegt?

Nachdem er alle Rechte aus der Insolvenzmasse erworben hatte, führte der hinter „Promessa UK“ stehende Glenn Mitchell das Erbe fort. Seit 2019 existiert unter dem anderen Namen Cryomation eine eigene Homepage, auf der angegeben wird, die Funktionsfähigkeit des Verfahrens sei im Rahmen eines britischen Innovationsförderprogramms untersucht worden.8 In den letzten sieben Jahren sind auch hier außer einer Auflistung der ökologischen und sozialen Vorteile keine belastbaren Fortschritte oder praktischen Anwendungen dokumentiert.9

Das Schicksal der Promession zeigt eindrücklich, dass Nachhaltigkeit im Bestattungswesen keine Trendentwicklung des letzten Jahrzehnts ist. Trotz der bemerkenswerten Lebensleistung und Pionierarbeit der Gründerin aber braucht es für die Einführung einer neuen Bestattungsmethode mehr als gute Ideen. Es braucht Verfahren, die technisch gesichert funktionieren, ihre Versprechen einlösen können und glasklar und transparent sind wie Eis.

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Lehre der Promession für künftige Gründer:innen: Nicht jedes ökologische Versprechen wird zur tragfähigen Praxis. Und nicht jedes starke Marketingkonzept hält einem Abgleich mit der Wirklichkeit stand.


  1. Jardine, Anja: Revolution im Totenreich. In: NZZ Folio, Juni 2014. https://www.nzz.ch/folio/revolution-im-totenreich-ld.1621868 ↩︎
  2. Wolff, Reinhard: Biblische Bestattung – Tote tiefgefroren und gerüttelt. In: Taz.de. Veröffentlicht am 13.02.2022. ↩︎
  3. Adeen, Agneta: Promession fungerar inte. Veröffentlicht am 21.02.11, aktualisiert am 25.02.11. Online unter: https://archive.is/20120525113929/http://www.ostran.se/nyheter/kalmar/promession_fungerar_inte ↩︎
  4. https://www.tiktok.com/@mythbustersclip/video/7278484478287187242 ↩︎
  5. Rödiger, René: Eiskalt ins Grab gelegt. Veröffentlicht am 07.12.2012. Online unter: https://www.tagblatt.ch/ostschweiz/eiskalt-ins-grab-gelegt-ld.665177 ↩︎
  6. Etwa: https://www.bestattungen-serway.de/im-trauerfall/bestattungsformen/promession/ ↩︎
  7. https://www.promessa.se/our-founder/ ↩︎
  8. Zu einer Machbarkeitsstudie „Researching the Industrial Possibility of Cryomation Automation; the Zero Emission Alternative to Cremation” hier: https://gtr.ukri.org/projects?ref=103025 ↩︎
  9. http://cryomation.co.uk/cryomation/ ↩︎

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