Zwei Hände voll Erde
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Erde zu Erde? Teil 2

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Fruchtbarer Boden für eine neue Abschiedskultur: Debatten um die ‚Reerdigung‘ in Deutschland

Teil II: Soziale und kulturelle Aspekte

Die Reerdigung wird häufig und vordergründig als ökologische Innovation beschrieben. In der Selbstwahrnehmung des Anbieters MEINE ERDE und der gemeinnützigen Stiftung Reerdigung aber reicht ihr Potenzial weiter. Dass die „schönste Art zu bleiben“ – so der Marketingslogan – bei vielen Menschen Interesse weckt, wird dabei auch als Ausdruck für veränderte Bedürfnisse im Umgang mit dem Tod interpretiert. Im Zentrum dieses Beitrags steht der Weg zu einer kulturell und sozial nachhaltigen Bestattungskultur, wie er von der Stiftung Reerdigung aktiv gefördert wird.

Emotionale (Schau-)Werte

Nicht ohne Stolz berichtete das Unternehmen in seinem Medienspiegel davon, dass es in der Fernseh-Dokuserie „Sterben für Anfänger“ von einem Kamerateam besucht wurde. Als die Moderatoren an einer Einbettung teilnahmen, konnte Olivia Jones sich vorstellen, einmal „Blumendünger“ zu werden. Steffen Hallaschka schilderte sichtlich ergriffen den Geruch am Kokon stehend als „waldbodenähnlich“ – innerhalb der Bestattungsbranche wurde bisweilen von chemischen Gerüchen berichtet. In der Episode bestaunen Jones und Hallaschka die Reerdigung als technisch fortschrittlich, gehen aber besonders auf den emotionalen Eindruck ein, den die rituell gerahmte Einbettung auf sie machte. Der Umgang mit der Verstorbenen und der Besuch vor Ort in Mölln hätten auch ihre anfänglichen Bedenken zerstreut. Sie zumindest scheinen in der TV-Inszenierung überzeugt, zahlreiche Journalist:innen wie Praktiker:innen aber sind es nicht.

Kulturhistorisches Déjà-vu

Polemische Argumente von Befürworter:innen wie Gegner:innen finden ihre Parallelen vor etwa 150 Jahren. Statt TV-Entertainer waren es damals Intellektuelle wie Jacob Grimm oder Gottfried Keller, die sich für die Einführung einer hoch umstrittenen neuen Bestattungsform aussprachen. Als die Feuerbestattung im späten 19. Jahrhundert in Europa wieder an Bedeutung gewann, galt sie vielen als radikaler Bruch mit christlichen Traditionen. Kirchenvertreter sahen in der Verbrennung des Leichnams eine Abkehr von der christlichen Auferstehungsvorstellung und eine Ausdrucksform materialistischen Denkens. Befürworter:innen argumentierten dagegen mit hygienischen Vorteilen, Flächeneffizienz und einem rationaleren Umgang mit dem Tod – Motive, die eng mit der fortschreitenden Urbanisierung und technischem Fortschrittsglauben verbunden waren. Speziell gegründete Vereine setzen sich für die Anerkennung der Feuerbestattung ein. Ihr Hauptanliegen „bestand fürs erste darin, die zuständigen Regierungen der einzelnen deutschen Staaten bzw. die kommunalen Obrigkeiten zu einer Genehmigung […] zu bewegen. Neben der allgemeinen Werbetätigkeit durch Publikationen und Vorträge versuchten sie, dieses Ziel mit Hilfe von Petitionen an die Regierungen in den einzelnen deutschen Teilstaaten zu erreichen.“ 1

Lebendiger Austausch und neue Rituale

Heutzutage sind es ähnliche Maßnahmen, mit denen das Unternehmen Meine Erde versucht, die Akzeptanz für die Reerdigung zu steigern. Auf Informationsveranstaltungen, Messen oder in den sozialen Medien wird das Gespräch mit Bürger:innen gesucht. Aus User-Kommentaren geht beinahe durchweg Zuspruch hervor: Darin liest man häufiger, dass sich diese neue Bestattungsart „richtig“ anfühle oder „zeitgemäß“ wirke.

Trauerrituale sind stets ein Spiegel gesellschaftlicher Werte, sie stiften Identität und ermöglichen Orientierung in Zeiten des Verlusts. Angesichts des zunehmenden Verlusts von Naturräumen wie des sozialen Zusammenhalts gewinnt die Reerdigung wohl auch deshalb an Attraktivität, da sie Umweltbewusstsein mit einer als freundlich oder positiv wahrgenommenen Rahmung des Gedenkens verbindet.

Ähnlich wie damals die Feuerbestattung fordert die Reerdigung allerdings tradierte religiöse und ästhetische Vorstellungen heraus, indem sie Vergänglichkeit nicht verbirgt, sondern gewissermaßen konkretisiert. Angehörige können die entstehende Erde bewusst in die Trauerfeier einbeziehen und dadurch an das „Erde zu Erde“ religiöser Traditionen anknüpfen, können (müssen?) aber auch individuelle Rituale schaffen. So erscheint die Durchführung für verschiedene weltanschauliche Überzeugungen anschlussfähig.2 Neben neuen zeremoniellen Formen müssen sich mit der Einführung der Reerdigung auch neue organisatorische Abläufe ausbilden: Bestatter:innen stehen vor der Aufgabe, logistische Faktoren mit einer würdigen Bestattungspraxis zu vereinen – etwa durch die Anschaffung wiederverwendbarer Transportsärge.

Der Prozess des Abschiednehmens ist durch die 40 Tage zwischen der Einbettung und Beisetzung gestaltungsbedürftig, was dem Unternehmen wie den Angehörigen Spielraum für Ritualdesign lässt. In einer Phase von Entschleunigung könnten sie sich auch kreativ mit ihrer Trauer auseinandersetzen, indem sie etwa das Naturfasertuch, in dem die neue Erde eingehüllt wird, selbst gestalten. Die zeitliche Dehnung und die physische Nähe zur Vergänglichkeit – erlebbar etwa bei dem nur mit einem Tuch bedeckten Leichnam –, stellen für die konventionelle Bestattungskultur zunächst ungewohnte Momente dar, die auch zu Verunsicherung führen können. Vorschläge für die Ausgestaltung dieser Leerstellen bietet das Unternehmen als Impressionen auf seiner Homepage.3

Selbstbestimmte Entscheidungen

Die mit MEINE ERDE verbundene Stiftung Reerdigung möchte sich dafür einsetzen, „dass Menschen gut informiert und selbstbestimmt über ihren letzten Fußabdruck entscheiden können.“4 Die Betonung selbstbestimmter Abschiednahme deckt sich mit einem sich immer stärker abzeichnenden Bedürfnis nach Autonomie in der Gestaltung letzter Wünsche. Laut einer von der Stiftung selbst in Auftrag gegebenen Umfrage wünschen sich 46,2 Prozent der 2.000 Befragten, dass alle Bundesländer die Reerdigung erlauben. Pietätsempfinden ist dabei subjektiv – während sich manche wünschen, in Zukunft eine Reerdigung in ihrem Bundesland durchzuführen, lehnen es andere als befremdlich ab, „Blumendünger“ zu werden.

Eins ist sicher: Es besteht gesellschaftlicher Gesprächsbedarf über eine nachhaltige Trauerkultur. Dabei sollte nicht nur die neue Bestattungsform, sondern auch der Austausch über die einzuhaltenden Marktversprechen transparent und würdevoll fortgesetzt werden. Nur so wird ein fruchtbarer Boden bereitet, dass aus einer neuen Technologie eine ganzheitlich nachhaltige Abschiedskultur erwachsen kann.

Kultur vs. Natur: Von der Trennung zur Versöhnung?

Die Feuerbestattung setzte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zuge wachsender Urbanisierung und gesellschaftlicher Säkularisierung, als gesellschaftlich akzeptierte Praxis durch. Heute ist sie die häufigste Bestattungsform in Deutschland – ein Hinweis darauf, wie stark sich kulturelle Deutungen des Todes innerhalb eines Jahrhunderts wandeln können. Vor 150 Jahren galt die Feuerbestattung als Sieg der Vernunft über den Aberglauben und stand beispielhaft für die technologische Moderne des 20. Jahrhunderts. Bei der Reerdigung wird der Technik ein anderer Stellenwert eingeräumt: Sie wird nicht mehr als Mittel zur Distanzierung von der Natur eingesetzt, sondern als Werkzeug, um sich ihr wieder anzunähern.

In dieser Verbindung von kontrollierten, hochmodernen Prozessen und mit natürlichen Abläufen klingt ein Paradigmenwechsel an, wobei nicht mehr die Beherrschung, sondern die Integration natürlicher Prozesse zum innovativen Leitbild wird. Vielleicht beginnt damit eine neue Form ganzheitlichen Fortschrittsdenkens, das Natur und Kultur nicht mehr künstlich trennt, sondern miteinander versöhnt.

Teil 1 dieser Blogserie findet ihr hier.


  1. Norbert Fischer: Zwischen Technik und Trauer. Berlin 2002, https://www.n-fischer.de/feuer_4.html (zuletzt eingesehen am 06.10.2025). ↩︎
  2. Meine Erde arbeitet mit der evangelischen Nordkirche zusammen, um Kasualien für eine kirchlich begleitete Abschiednahme zu entwickeln. ↩︎
  3. https://www.meine-erde.de/branche/bestattungsinstitute (zuletzt eingesehen am 06.10.2025). ↩︎
  4. Stiftung Reerdigung gGmbH: Über Uns, https://www.stiftung-reerdigung.de/#ueber-uns (zuletzt eingesehen am 06.10.2025). ↩︎

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