Erde mit einer Schaufel
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Erde zu Erde? Teil 1

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Ökologische Gewinne und grüne Versprechen: Debatten um die ‚Reerdigung‘ in Deutschland

Teil I Ökologische und ökonomische Aspekte

Die als ‚Reerdigung‘ vertriebene Humankompostierung erfreut sich seit den mittlerweile drei Jahren ihres Bestehens ungebrochenen medialen Interesses und ist dadurch als besonders nachhaltig angepriesene, neue Bestattungsmethode über Fachkreise hinaus vielen Menschen ein Begriff. Oft allerdings herrscht Unklarheit über Detailfragen oder Verunsicherung aufgrund der emotionalisiert geführten Debatten. Kritik von verschiedenen Seiten sieht sich der europaweit einzige Anbieter der Humankompostierung MEINE ERDE-Circulum Vitae GmbH schon seit seinem Markteintritt 2022 ausgesetzt.

Was ist die Reerdigung und wo ist sie verfügbar?

Das der Reerdigung zugrundeliegende Verfahren ist auch als Natürliche Organische Reduktion bekannt: Es handelt sich dabei um die Umwandlung des toten Körpers in ein Erdsubstrat durch die technische Optimierung biochemischer Vorgänge. Der patentierte Prozess erfolgt in einem sargähnlichen Behälter, dem sogenannten „Kokon“, in dem ein Verstorbener auf einer als „Substrat“ bezeichneten Mischung aus Pflanzenmaterial gebettet wird und in 40 Tagen durch körpereigene Mikroorganismen zersetzt wird. Die entstandene Erde kann anschließend auf Friedhöfen beigesetzt werden. Dass weder ein Sarg benötigt werde noch Chemikalien oder fossile Brennstoffe zum Einsatz kommen, mache diese Bestattungsart laut MEINE ERDE besonders ressourcenschonend und umweltfreundlich.

Erlaubt ist die Reerdigung derzeit lediglich in Schleswig-Holstein im Rahmen einer Erprobungsklausel, das Ausbringen der neuen Erde auf Friedhöfen in Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern legal. In als „Alvarien“ bezeichneten, umgewidmeten Friedhofskapellen in Kiel und Mölln können Reerdigungen in insgesamt sieben Kokons durchgeführt werden. In der jüngst erfolgten Novellierung der Bestattungsgesetze in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt fand eine etwaige Zulassung keine Erwähnung.

Warum wird so kontrovers diskutiert und wer ist an der Debatte beteiligt?

Neben anfänglichen Zweifeln an der Funktionsweise einer beschleunigten Kompostierung durch Rechtmediziner betrafen die Kritikpunkte die Öffentlichkeitskommunikation von MEINE ERDE. Viele Vertreter:innen der Bestattungsbranche bemängelten die poetische Marketingsprache und nahmen Anstoß an der Intransparenz der Vorgänge. So wurden die von Fachkreisen erwünschten detaillierten Hintergründe des Verfahrens in Salamitaktik offenbart: Erst allmählich wurde bekannt, dass im „Substrat“ auch Aktivkohle beigemischt wird streng genommen tatsächlich eine Chemikalie –, oder dass die nach dem Prozess überbleibenden Knochen in einer Mühle zerkleinert werden. Fairerweise muss man erwähnen, dass dies auch in Krematorien geschieht. Generell ist in der Beurteilung der Sprachwahl wie Detailtiefe zwischen einem Laien- und einem Fachpublikum zu unterscheiden. Dass derartiges Vokabular im Öffentlichkeitsauftritt keine Verwendung findet, ist verständlich.

Auch der Mangel an unabhängigen Studien zur bodenkundlichen Zusammensetzung und der hygienischen Unbedenklichkeit der entstehenden Erde sowie hinsichtlich des Infektions- und Arbeitsschutzes der Mitarbeiter:innen wurden von Juristen, Rechtsmedizinern und Stakeholdern des Bestattungswesens moniert. Dabei bezogen sie sich oft darauf, dass sich der Nationale Gesundheitsrat in den Niederlanden bei der Bestattungsmethode „Humankompostierung“ 2020 aufgrund einer zu geringen wissenschaftlichen Datenlage einer abschließenden Bewertung enthielt.1

Besonders intensiv wurde darüber diskutiert, ob während des gesamten Verfahrens ein würdevoller Umgang mit den Verstorbenen gewährleistet sei – die aus den Patentunterlagen hervorgehenden wiegenden Bewegungen der Apparatur wurden mitunter als Störung der Totenruhe bezeichnet.

Zwischen ökologischem Mehrwert und ethischen Bedenken

Daraufhin veröffentlichte MEINE ERDE eine eingehenden Stellungnahme auf dem unternehmenseigenen Blogmagazin2. Der eingeforderten Transparenz zu Prozessabläufen kommt das Unternehmen zumindest in der Öffentlichkeitskommunikation mittlerweile nach. Nicht nur durch ausführliche FAQ-Unterseiten auf der Homepage, sondern auch durch offene Alvariumsführungen können sich Verbraucher:innen vertiefte Einblicke verschaffen.

Das Unternehmen betont die stetige Begleitforschung durch die Rechtsmedizin der Universität Leipzig sowohl im Hinblick auf die Unschädlichkeit als auch auf die würdevolle, sichere Durchführung des Verfahrens. Durch ein Rechtsurteil des Landgerichts Berlin wurde dem Unternehmen allerdings 2024 untersagt, von einer „begleitenden Untersuchung“ zu sprechen, da dafür die temporäre Anwesenheit Forschender vor Ort erforderlich sei. Aufgrund der seit der Erprobungsphase erweiterten Analysen teilte die Justiz- und Gesundheitsministerin von Schleswig-Holstein der Landesregierung in einem Zwischenbericht Mitte September 2025 mit, die Untersuchungsergebnisse bestätigten, dass keine gesundheitlichen Gefährdungen für Mensch und Umwelt festzustellen seien.

Grüne Zahlen? Öko- und Kostenbilanz der Reerdigung

Hinsichtlich der proklamierten ökologischen Nachhaltigkeit wurden bisher allerdings keine fundierten Ergebnisse vorgelegt. Von der Zitierung des US-amerikanischen Anbieters Recompose, durch die Natürliche Organische Reduktion werde eine Tonne CO2 eingespart, hat MEINE ERDE 2022 Abstand genommen. Ein Life-Cycle-Assessment des gesamten Prozesses, des Energieaufwands, begonnen vom Transport des Substrats, der Herstellung der Kokons, der eingesetzten Ressourcen wie der Wassermenge oder der elektrischen Energie wie des Betreibens der Anlage wäre wünschenswert.3

Denn noch immer ist nicht wirklich geklärt, wie nachhaltig eine Reerdigung wirklich ist. Durch die nur punktuelle Verfügbarkeit bezieht sich dies besonders auf die Transportwege, wenn sich etwa eine Person aus den südlichen Bundesländern für eine Reerdigung entscheidet. Eine Überführung von München nach Mölln (800km) mit Stationen in der Praxia zur Aufbereitung des Substrats sowie Fahrten zum Beisetzungsfriedhof negiert jegliche CO2-Einsparungen. Insgesamt mag dies mit einer Kremierung im energieeffizienten Krematorium Traunstein bei München gleichauf liegen.

Nachhaltiges Wirtschaften – Monopolstellung und Skalierung

Der Anbieter Circulum Vitae ist Venture-Capital-finanziert. Durch Angel-Investments, Serien-Investoren und Private-Equity-Gesellschaften ist ein gewisses Budget vorhanden, das zum Ausbau der Apparaturen und PR-Arbeit eingesetzt wurde.

Um langfristig unabhängig von externen Finanzspritzen sein zu können, stellt sich die Frage: Wie viele Reerdigungen müssten pro Jahr durchgeführt werden, damit sich das Modell trägt? Bei Hochrechnungen von neun jährlich durchgeführten Reerdigungen pro Kokon – eine nahtlose Belegung der sieben Kokons angenommen – kommt man bei der derzeitigen Kapazität auf etwa 125 durchgeführte Reerdigungen. Ohne zu tief in die Kennzahlen einsteigen zu wollen, ist einsichtig, dass eine kostendeckende Arbeit dabei momentan nicht möglich sein kann, auch wenn eine Reerdigung derzeit eher zu den höherpreisigen Bestattungsformen gehört.

In der Patentanmeldung ist eine Art Industriehalle von Kokons in übereinander geschichteter Wabenstruktur abgebildet. Architektonische Voraussetzungen und technisches wie hygienisches Know-How wären womöglich in Krematorien vorhanden, allein scheint eine Kooperation hier aufgrund der entgegengesetzten Interessen unterschiedlicher Wettbewerbsparteien unwahrscheinlich.

Dass die Reerdigung mit Krematorien kulturhistorisch mehr in Verbindung hat, als man auf den ersten Blick meinen könnte, beleuchtet der zweite Teil dieser Blogserie.

Was kann ich tun?

  • Kritisch alle verfügbaren Informationen prüfen und ein eigenes Urteil bilden
  • Abwägen, welcher Aspekt der Nachhaltigkeit (ökologisch, sozial, kulturell) persönlich am wichtigsten ist
  • Bei bestehendem Wunsch, sich reerdigen zu lassen: Über Möglichkeiten im eigenen Bundesland informieren und auch das Kleingedruckte der angebotenen Reerdigungsvorsorge lesen

  1. Health Council of the Netherlands: The admissibility of new techniques of disposing of the dead. To the Minister of the Interior and Kingdom Relations Nr. 2020/06e. Advisory report., https://www.healthcouncil.nl/documents/advisory-reports/2020/05/25/admissibility-of-new-techniques-of-disposing-of-the-dead. Erstellt am 25.05.2020 (zuletzt eingesehen am 16.08.2025).
    Nachtrag (9. Oktober 2025): In seiner erneuten Prüfung 2025 kommt der niederländische Gesundheitsrat zu dem Ergebnis, dass die vorhandene Datengrundlage keine belastbare Beurteilung der Sicherheits- und Nachhaltigkeitsaspekte des Verfahrens erlaubt. Pressemitteilung vom 2. Oktober 2025, https://www.healthcouncil.nl/latest/news/2025/10/02/do-not-admit-human-composting-yet-do-admit-alkaline-hydrolysis ↩︎
  2. MEINE ERDE: Störung der Totenruhe. Was bedeutet das? Erstellt am 17.03.2025, https://www.meine-erde.de/magazin/stoerung-der-totenruhe (zuletzt eingesehen am 16.08.2025). ↩︎
  3. Derzeit sind nur schwedischsprachige Auszüge einer unveröffentlichten Studie zu finden: https://jordatorium.se/livscykelanalys/ ↩︎

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