Den toten Körper in Stoffe einzuhüllen ist nicht nur in muslimischen Gemeinschaften üblich, sondern war über viele Jahrhunderte auch hier in Mitteleuropa die gängige Art der Abschiednahme. Nur sehr reiche Menschen wurden in ihrer Kleidung oder in speziellen rituellen Gewändern bestattet. Kleidung war sehr teuer, sie wurde aufwändig in Handarbeit hergestellt, repariert und vererbt. Die Überfülle an Kleidung heutzutage lässt uns schnell vergessen, dass ein Mensch noch vor 100 Jahren weniger als ein Zehntel eines heute durchschnittlichen Kleiderbesitzes sein Eigen nannte.
Deshalb ist die Tuchbestattung älter und kulturell universaler als die heute übliche Einkleidung der Toten. Wir sind es gewohnt, dass Tote in Alltagskleidung, Anzügen, Kleidern, Fußball-T-Shirts oder Wanderhose im Sarg liegen. Unzählige Filme zeigen diese Bilder und wir hinterfragen sie kaum. Dabei ist zum Beispiel bei unseren Nachbarn in den Niederlanden die Tuchbestattung noch weit verbreitet und wird auch als Abschiedsritual ausgeführt, bei dem die Familie schrittweise durch das Falten und Übereinanderlegen des Tuches den Körper einhüllt und so langsam Abschied nimmt. Es ist eine sehr einfache Art, selbstwirksam handeln zu können. Selbst etwas tun zu können, wirkt sich immer positiv auf den Trauerprozess aus.
An Nachhaltigkeit ist ein Tuch kaum zu übertreffen
Selbst wenn Zugehörige nicht selbst Hand anlegen möchten, ist es auch für Bestatterinnen und Bestatter wesentlich einfacher ein Tuch zu legen, als den toten Körper einzukleiden. Tote sind schwer und nicht mehr so beweglich, ihre Hautelastizität ist verändert. Gegebenenfalls wird Kleidung rückseitig aufgeschnitten, um von vorne aufgelegt werden zu können. Im Falle einer Feuerbestattung besteht die Pflicht zu einer amtsärztlichen Leichenschau, wobei der Körper vollständig entkleidet werden muss. Entweder richten Bestatter:innen ihre Abläufe nach den Terminen im Krematorium oder Amtsärzt:innen und Krematoriumsmitarbeiter:innen stehen vor der kaum zu bewältigenden Aufgabe, die Kleidung danach noch einmal ordentlich anzulegen. Ob diese logistische Herausforderung gelingt, ist nicht sicher. Große Bestattungshäuser mit eigenen Kühlanlagen können die Versorgung und Einkleidung zeitlich so organisieren, dass die Begutachtung vorher stattfindet.
Im Hinblick auf Nachhaltigkeit ist das Einhüllen in Naturstoffe wie Leinen, Baumwolle oder Hanf für jegliche Art der Bestattung eindeutig die beste Wahl. Naturstoffe werden schnell und vollständig zersetzt und verbrennen unschädlich. Bei einem Naturfasertuch gibt es keine Polyesternähte, keine Plastikknöpfe, keine Reißverschlüsse.
Natürlich kann ein Leichnam auch im Sarg in ein Tuch gehüllt werden. Es ist nur ungewohnt für uns. Aber es ist freundlich, einfach und würdevoll, und jahrhundertelang erprobt.









