Verwesungshemmungen auf deutschen Friedhöfen
Unsere Körper sind faszinierend: Körpereigene Mikroorganismen, die uns in diesem Moment am Leben halten, sorgen nach unserem Versterben für die Zersetzung – ziemlich genial.
Sie brauchen dafür aber bestimmte Bedingungen: Vor allem Sauerstoff, wenig Feuchtigkeit, aber auch keine totale Trockenheit. Der Boden sollte also durchlässig und aufnahmefähig sein.
Es wird davon ausgegangen, dass ca. 20-40% der deutschen Friedhofsflächen unter Zersetzungsstörung oder -ermüdung leiden.1 Im schlimmsten Fall kommt es so zu sogenannten Wachsleichen: Durch Sauerstoffmangel wird der mikrobielle Abbau unterbrochen und das Körperfett in eine gesättigte Fettsäure umgewandelt, die nicht weiter zersetzt werden kann. Selten besteht diese Problematik auf einer kompletten Friedhofsfläche. Die betroffenen Areale werden nach Bekanntwerden meist entweder für Urnenbestattungen genutzt oder z.B. mit insektenfreundlichen Blumen bepflanzt.
Den Umgang mit diesem Problem handhaben Friedhöfe sehr unterschiedlich: Manche lassen die Leichname einäschern, andere betten sie um und ergreifen Maßnahmen, damit der Verwesungsprozess seinen Lauf nehmen kann. Das ist eine große Belastung für Friedhofsmitarbeiter:innen. Trotz allem bleibt die Zersetzung vor, aber noch mehr nach der Verwachsung eines Leichnams, ein langwieriger Prozess und muss stark unterstützt werden, z.B. durch Bodenbelüftungssysteme oder die Förderung natürlicher Helfer wie Regenwürmer. Diese beteiligen sich nicht an der Zersetzung, sondern belüften den Boden durch ihre Tätigkeit. Sinnvoll wäre hier auch die Überlegung, die übliche Grabtiefe zu verringern, um die Beisetzung in den besser belüfteten und lockereren Erdschichten durchzuführen, also vorteilhaftere Zersetzungsbedingungen zu schaffen.
Wie kommt es überhaupt zu diesen ermüdeten Böden?
Für die Aufgaben eines Friedhofsboden ist ein sandig-saures Bodenmilieu ideal, jedoch sind viele Böden eher lehmig und feucht. Durch die ständige Neubepflanzung der Grabstellen und Grabaushebungen durch kleine Bagger werden die Friedhofsböden immer weiter verdichtet. Verdichtete Böden verlieren an Atmungsaktivität und Aufnahmefähigkeit von Wasser, die Folge: Staunässe, Sauerstoffarmut und in der Konsequenz dann Zersetzungsermüdung.
Um die ausreichende Sauerstoffmenge rund um den Leichnam zu erhalten, braucht es einen Hohlraum, denn direkt mit Erde bedeckte Körper können nur sehr schwer verwesen. Särge bilden zwar einen stabilen Raum, die Sauerstoffmenge ist jedoch in der Regel viel zu gering. Eine bessere Lösung ist hierbei die sarglose (meist muslimische) Bestattung, welche mithilfe von Holzbrettern einen Hohlraum im Grab bildet.
Auch wenn eine gewisse Stabilität von Nöten ist, sollte trotzdem so wenig Material wie möglich in die Erde eingebracht werden, denn auch der Sarg selbst muss zersetzt werden. Besonders sinnvoll wären z.B. Särge aus Altholz, die ressourcenschonend und durch die Offenporigkeit in gewisser Weise atmungsaktiv sind. Auf Lackierungen sowie Versiegelungen sollte komplett verzichtet werden. Recht neu zugelassen ist in Deutschland der Pilzsarg, welcher aufgrund seines Materials proaktiv auf den Verwesungsprozess einwirkt.
Sarginnenausstattung
Häufig erhalten Särge als erstes eine Bodeneinlage aus Plastik, um das Auslaufen von Flüssigkeiten zu verhindern. Diese Folien sind mittlerweile meist aus biologisch abbaubaren Materialien wie PLA, doch deren restlose Zersetzung ist nicht unbedingt gegeben, denn solche Stoffe benötigen bestimmte Bedingungen und es ist möglich, dass Reste in Form von Mikroplastik im Boden bleiben. Beerdigungsinstitute bieten verschiedene Sargausstattungen zur Auswahl an, entweder ein Leinen-/Baumwolltuch oder aufwändigere Auslagen gerne aus z.B. Polyesterstoffen. Auch wenn das Angebot von Leinen- und Baumwollstoffen immer weiter ausgebaut wird, besteht der größte Teil dieser Stoffe aus Mischgeweben oder Polyester und Decken werden mit Polyesterwattierungen gefüllt. Diese Materialien vergehen nicht und verschlechtern die Zersetzungsbedingungen in der Erde und auch bei der Verbrennung tragen diese zur stärkeren Schadstoffbelastung bei. Naturbelassene Materialien und Stoffe sollten hier verpflichtend sein.
Unser Körper
Werfen wir nun einen Blick auf den menschlichen Körper bei der Bestattung. Viele Beerdigungsinstitute bieten sowohl das Anziehen eigener Kleidung an, stellen aber natürlich auch Totenhemden zur Verfügung. Während die Totenhemden meist aus Baumwolle oder Leinen gefertigt sind, entscheiden sich Angehörige meist für die Lieblingsbekleidung. Der Großteil unserer Textilien ist jedoch aus oder mit Elastan und Polyester gearbeitet. Ein einzelner Sarg beinhaltet also bereits wahnsinnig viel Plastik, auf das recht einfach verzichtet werden könnte.
Doch auch der Körper selbst ist ein nicht zu vernachlässigendes Problem. Zu Lebzeiten gelangen durch z.B. Ernährung Mikroplastik oder Chemikalien durch Medikamente in unseren Körper, die bei einer Erdbestattung in die Böden und das Grundwasser sickern und bei der Kremation durch die Einäscherung in die Umwelt gelangen. Der Mensch selbst ist also bereits an und für sich schädlich für die Umwelt, der Fachbegriff lautet hier Humantoxizität.
Friedhöfe – unsere grünen Lungen
Friedhöfe sind schützenswert, denn diese Flächen sind frei von Gebäuden und flächendeckenden Beton- oder Asphaltmassen. Darüber hinaus bildet die Baum- und Pflanzenvielfalt auch eine wichtige Heimat für Insekten und andere Kleintiere, die wiederum für unser Ökosystem überlebenswichtig sind.
Doch diese Flächen sind gefährdet, da die schlechte Bodenbeschaffenheit Kosten mit sich bringt. Wenn Verstorbene durch die schlechten Bedingungen eine längere Ruhefrist benötigen, muss diese „zusätzliche“ Ruhefrist bezahlt werden. Die Kosten können die Friedhöfe bzw. die Kommunen nicht ewig übernehmen, also wird diese früher oder später auf die Endverbraucher:innen übertragen werden müssen. Wahrscheinlich durch eine Verlängerung der vorgesehenen Ruhefrist.
Was kann ich tun?
- Wähle Bekleidung, Totenhemd oder Leichentuch aus Naturstoffen als letzte Hülle.
- Wähle einen Sarg aus Pilzmyzel oder Altholz. Verzichte auf lackierte Oberflächen.
- Quelle: Albrecht, Michael: Verwesungsstörungen zuvorkommen und beheben, in: Friedhofskultur 02/2019 ↩︎









