zwei Frauen am Meer, eine legt Arm um Schultern der anderen
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Wohin mit der Klimatrauer?

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Wie Eco Grief unsere Abschiedskultur erweitern könnte 

Wer Natur nur als Kulisse denkt, wird schwerlich um sie trauern. In unseren Breitengraden bezog sich das diffuse Unbehagen womöglich längste Zeit auf den Verlust ästhetischer Naturerfahrungen: einen Sommer, der für das eigene Empfinden zu heiß ist oder die hübschen Schmetterlinge, die fehlen.

Wer Natur jedoch als Mitwelt versteht, landet früher oder später bei Fragen von Fürsorge, gegenseitigen Abhängigkeiten und Verantwortung. Spätestens in der Hitzeperiode Ende Juni 2026 trat diese Verflechtung mit neuer Wucht aus dem Bereich des Abstrakten heraus. Sie wurde für viele von uns körperlich spürbar: im belasteten Kreislauf oder ausbleibendem Schlaf in aufgeheizten Wohnungen. Strukturell äußerte sie sich in belasteten Pflegeeinrichtungen und Kliniken – und nicht zuletzt auch in den Schätzungen zusätzlicher Todesfälle. Was der Mitwelt schadet, wirkt auf die Organismen zurück, die in ihr leben. Und es greift in jene Grundlagen ein, von denen Leben abhängt: Ernten, die ausbleiben, Brunnen, die versiegen, Orte, die unbewohnbar werden. Sorge gilt nicht einer passiven Natur „da draußen“, sondern geteilten Lebenszusammenhängen, in denen Menschen selbst stehen.1

Die Stärke einer solchen Betrachtungsweise liegt darin, dass sie die Trennung zwischen menschlicher Trauer und ökologischer Verantwortung lockert. Hier die Lebenden, dort die Toten; hier Kultur, dort Natur; hier gepflegtes Andenken mit Heidekraut, dort unordentlicher Wildwuchs – diese Gegenüberstellungen tragen nicht mehr recht (falls sie es je getan haben). Wir sind nicht und waren nie außerhalb der Natur. Das ist im Tod nicht anders.

Kunst öffnet den Wahrnehmungsraum

Eco Grief ist in vielen Fällen antizipatorische Trauer – über ein Sterben, das im Gang ist, aber nie abgeschlossen. Dafür sind unsere kulturellen und rituellen Praktiken und Wissensbestände allerdings noch schlechter ausgestattet als für die Bewältigung ‚klassischer‘, intra-humaner Trauer. Es gibt kein Trauerjahr für einen Wald, keinen Leichenschmaus für das Verschwinden einer Art. Was also tun wir mit dem Eco Grief, der sich in Einzelnen anstaut, weil die kollektiven Formen fehlen?

Kunst kann Uneindeutigkeit halten, auch wo Worte (noch) versagen. Sie öffnet Räume für Erfahrungen, die auf der vorsprachlichen Ebene stattfinden oder in gängigen Narrativen keinen Platz finden. Ein eindrückliches Beispiel ist die Installation Ghost Forest der Künstlerin Maya Lin, die 2021 im Madison Square Park in New York zu sehen war und online dokumentiert ist.2 Lin platzierte 49 abgestorbene Atlantische Weißzedern, jeweils rund zwölf Meter hoch, als toten Wald mitten in der Metropole. Begleitet wurde der Aufbau von einer Klanglandschaft mit Tierstimmen, die an Arten erinnerte, die einst in Manhattan heimisch waren. Lins Arbeit ‚übersetzte‘ die ökologische Problematik in eine begehbare Installation im öffentlichen Raum, um sie auch denjenigen erfahrbar zu machen, die die unmittelbaren Schäden nicht vor der eigenen Haustür sehen.

Die australische Ausstellung The Mourning After hatte ökologische Trauer und nicht an einen Todesfall gebundene Verluste zum Gegenstand; begleitende Formate wie etwa der Workshop Mapping Climate Feelings luden junge Menschen ein, ihre Klimagefühle in Worten, Bildern und Bewegung zu erkunden.3

Abschied vom Gletscher – öffentlichkeitswirksamer Ausdruck von Trauer

2024 wurde in Island ein Glacier Graveyard samt „Global Glacier Casualty List“ vorgestellt – als Gedenkstätte für verschwindende Gletscher.4 Bisweilen werden tatsächlich auch Beerdigungsfeiern für Gletscher abgehalten. Kritische Stimmen bezeichnen dies als rein performative Symbolpolitik. In entsprechenden, auch partizipativen Formaten können wir aber auch ein gesellschaftliches Korrektiv sehen, das über wissenschaftlich klingende Diagnosebegriffe hinaus geht. So verstanden, handelt es sich bei diesen öffentlichkeitswirksamen Aktionen, auch wenn sie polarisieren, um eine Einladung, genauer hinzusehen: Welche Verluste werden öffentlich anerkannt? Welche bleiben stumm, weil sie weder Lobby noch (menschliche) Stimme haben?

Was die kreativen Annäherungen verbindet, ist die Weigerung, Verlust zu rationalisieren, bevor er betrauert wurde. Das weite Spektrum an Trauer- und Verlusterfahrungen braucht – das eint ökologische mit jeder anderen Trauer – vielfältige Ausdrucksformen, an unterschiedlichen Orten und zu nicht vorgegebenen Zeitlinien. Nicht weil sie pathologisch würde, wenn sie anhält, sondern weil das Verschwinden nicht aufhört. Der Anlass für Eco Grief endet, drastisch verkürzt, wenn das (Arten-)Sterben endet.

Friedhöfe als Schulen der Mitwelt?

Friedhöfe waren immer Orte, an denen Gesellschaften ihr Verhältnis zu Vergänglichkeit, Erinnerung und Verbundenheit verhandelten – meist begrenzt auf menschliche Tote. In den letzten Jahren beginnt sich das allmählich zu verschieben. Die steigende Beliebtheit von Naturbestattungen oder Baumgräbern auch auf kommunalen Friedhöfen, oder die Möglichkeit gemeinsamer Tier-Mensch-Gräber verändern die anthropozentrische Definition dessen, was überhaupt zur Bestattungskultur zählt.

Hier, mit Friedhöfen als möglichen Lernorten, könnte sich ein Umgang mit Abschieden etablieren, der nicht behauptet, alles werde gut, aber zeigt, dass Verbundenheit über den Menschen hinaus lebendige Form finden kann. Jenseits von grünen Heilsversprechen geht es dabei um eine Erweiterung unseres kulturellen Repertoires: um mehr Gestaltungsräume, mehr Akzeptanz für unterschiedliche Arten von Abschied, Trauer und Gedenken – und womöglich um mehr oder differenziertere Bezeichnungen dafür, was sich beim Sterben eines Baums, einer Tierart oder eines Gletschers fühlen lässt.

Eco Grief ist ein Beziehungsbeweis

Das Empfinden von Trauer ist immer auch ein Beziehungsbeweis. Man trauert nicht um das, was einem gleichgültig war. Eco Grief zu verspüren, heißt daher nicht, „zu empfindlich“ zu sein. Vielmehr erinnert es uns daran, dass der Einsatz für nachhaltigere Lebens- und Sterbensweisen nicht nur Zukunftsmanagement beinhaltet, sondern auch Verlustkompetenz. Wenn wir uns weiterbewegen wollen, müssen wir nicht nur wissen, wohin wir wollen. Wir müssen auch betrauern können, was wir bereits verloren haben … weil uns das vor Augen führt, wovon wir nicht noch mehr kampflos verlieren wollen.

Teil 1 dieses Artikels findest du hier.

Wer beim Lesen gemerkt hat, dass hier von etwas die Rede ist, was dem eigenen Empfinden entspricht, ist nicht allein, und gewiss nicht „überspannt“. Klimatrauer/Eco Grief/Climate Anxiety sind ernstzunehmende Reaktionen auf eine reale Lage.

Wohin mit der Klimatrauer?
Ressourcen und Räume für den Umgang mit belastenden Klimaemotionen

  • Oftmals ist es schon ein großer Schritt, diese Gefühle zu verbalisieren und eine Gemeinschaft Gleichgesinnter zu suchen. Dafür gibt es in Großstädten sogenannte Klimatreffs, die von Psychologists For Futures angeboten werden. Hier eine Übersicht: https://klimatreffs.de/#action. Auch online finden sich viele Informationsangebote, etwa hier https://www.climatementalhealth.net/resources oder https://www.unthinkable.earth/resources
  • Für den Alltag hilft es, die Verbindung mit dem zu pflegen, was noch da ist. Wer den ganzen Tag Nachrichten über Klimakatastrophen liest, überhört darüber leicht, dass auf dem Dach eine Amsel singt.
  • Trauer und Engagement sind keine Gegensätze, sondern miteinander verflochten. Wer trauert, kann handlungsfähig sein; wer handelt, darf auch trauern. Viele Klimaaktivist:innen – die außerordentlich häufig von Emotionen wie Climate Anxiety oder Eco Grief betroffen sind – berichten, dass auch eingestandene (negative) Gefühle ihre Arbeit nicht behindert, sondern trägt.

  1. Gottschlich, Daniela/ Katz, Christine (2018): Caring with nature/s.  Care als Transformationspraxis für die Gestaltung gesellschaftlicher Naturverhältnisse. In: Waidelich, Waltraud/ Baumgarten, Margit (Hrsg.): Um-Care zum Leben. Ökonomische, theologische, ethische und ökologische Aspekte von Sorgearbeit, Hamburg, S. 83-105. ↩︎
  2. https://madisonsquarepark.org/art/exhibitions/maya-lin-ghost-forest/ Ein „Geisterwald“ bezeichnet das vor allem in Nordamerika häufig auftretende Klimaphänomen, bei dem durch steigende Meeresspiegel und zunehmende Versalzung der Böden ganze Waldgebiete absterben und als graue Baumgerippe in der Landschaft zurückbleiben. ↩︎
  3. The Mourning After, Australian Centre for Contemporary Art (ACCA), Melbourne 2025. https://www.themourningafter.net/ ↩︎
  4. Global Glacier Casualty List / Glacier Graveyard, Reykjavík 2024.https://www.un-glaciers.org/en/partners-content/worlds-first-glacier-graveyard-and-global-glacier-casualty-list-unveiled, vgl. auch Boyer, Dominic and Cymene Howe. “Global Glacier Casualty List.” Global Glacier Casualty List. August 17, 2024. DOI:  https://doi.org/10.25613/CZJA-9V56 ↩︎

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