Mensch betrachtet Gletscher
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Kondolenz für den Gletscher 

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Eco Grief1 und was wir aus andauernden Verlusten lernen können 

Für menschliche Verluste haben wir kulturelle Skripte und bürokratische Formulare: Es gibt eine Sterbeurkunde, eine Trauerkarte, ein Kondolenzbuch.

Und dann gibt es Verluste, die leise durch die Ritzen unserer Wahrnehmung, ja, unserer Sprache fallen: der Winter, der nicht mehr zuverlässig im November kommt; der Bach, der im August nur noch Steine zeigt; die Insekten, die früher gegen die Windschutzscheibe prasselten; die Fichte am Waldrand, die erst rot wurde, dann grau, dann Totholz.

Ihr stellt niemand eine Sterbeurkunde aus. Es ist kein einzelner Tod, eher ein fortgesetztes Ab- und Aussterben, ein kontinuierliches Wenigerwerden.

Für diese schwer greifbaren Verluste hat sich im englischsprachigen Diskurs der Begriff Eco(logical) Grief eingebürgert. Damit ist Trauer über erfahrene oder erwartete ökologische Verluste gemeint, von Arten, Ökosystemen und Landschaften, die durch akute oder schleichende Umweltveränderungen beschädigt werden.2 Die Trauerbegleiterin Kriss Kevorkian prägte den nahestehenden Begriff environmental grief schon in den 1980ern und beschreibt, dass bereits das Benennen dieser Reaktion für viele Menschen entlastend sein kann.3 Im Deutschen oft als „Klimatrauer“ bezeichnet, benennt der Begriff, was in Nachhaltigkeitsdebatten oft zwischen CO₂-Bilanzen, Kipppunkten und technischen Lösungsversprechen verschwindet: Dass die ökologische Krise nicht nur ein Managementproblem ist, sondern ein Verlustgeschehen, das zahlreiche Menschen zunehmend emotional belastet.

Eco Grief scheint zunächst ein psychologischer Terminus zu sein, aber er hat eine kulturelle Dimension, die bislang weniger beachtet wird: Er wirft die Frage auf, wie wir als Gesellschaft mit dem Sterben von etwas umgehen, das kein Mensch ist, aber dennoch einen Platz in unserem Innenleben hat(te).

Nützliche Unschärfe: Was der Begriff leisten kann4

Sprache strukturiert das Denken, heißt es, aber dasselbe gilt auch für die Gefühle: Solange es keinen Begriff dafür gab, diesen Schmerz zu greifen, der nicht zwingend auf ein einzelnes Todesereignis oder auf eine einzelne Person gerichtet war, war er für viele Betroffene nicht erkennbar – er wurde vielleicht als Depression, als Erschöpfung oder als diffuse Angst beschrieben. Der australische Umweltphilosoph Glenn Albrecht prägte 2003 das Wort Solastalgie: die Trauer darüber, dass die vertraute Umgebung sich verändert, ohne dass man sie verlassen hat.5

Auch die Soziologie spricht inzwischen von climate emotions oder green emotions und versucht, die emotionale Landkarte ökologischer Krisen genauer zu zeichnen. Denn ökologische Krisen lösen nicht nur individuelle Gefühle aus, sondern erzeugen gesellschaftliche Stimmungen, in denen Fragen von globaler Verantwortung und Ohnmacht neu verhandelt werden.6

Die deutsche Sprache ist hier, trotz ihrer viel zitierten Kompositionsfähigkeit, erstaunlich arm, weshalb wir zumeist englischsprachige Begriffe importieren, um die Empfindungen zu benennen, die bislang namenlos blieben. Das Ziel ist keine Begriffshuberei, sondern eine feinere Kartographie des emotionalen Verhältnisses zwischen Menschen und ökologischen Systemen.

In der Klimakommunikation sind andere Gefühle leichter zu mobilisieren. Angst warnt. Wut klagt an. Schuld fragt nach Verantwortung. Hoffnung verspricht Richtung. Trauer ist komplexer, denn sie verweilt bei dem, was verloren geht. Sie hält aus, dass etwas beschädigt ist, ohne sofort in das aktivierende Register von Lösung oder Innovation zu wechseln. Sie widersetzt sich der Ungeduld politischer Kommunikation, die oft noch im Verlustmoment nach dem nächsten Handlungsschritt fragt. Wie anpassen? Eco Grief hält eine andere Frage offen: Was ist hier eigentlich geschehen? Was verschwindet, während wir noch nach Begriffen suchen, uns noch selbst kaum klar sind, was es ist, das wir betrauern?

Trauer ohne Erlaubnis?

Dass man wegen eines ausgestorbenen Salamanders geweint hat oder dass die abgestorbene Eiche im Park einen seit Wochen begleitet, werden die wenigsten von uns in ein Gespräch einbringen. Wer seine Betroffenheit öffentlich äußert, riskiert ein freundliches Befremden oder den Ratschlag, sich nicht zu sehr in etwas hineinzusteigern. Der amerikanische Thanatologe Kenneth Doka prägte 1989 den Begriff Disenfranchised Grief: Trauer, der die Gesellschaft die Anerkennung verweigert. Damit wurde zunächst die Trauer um Haustiere, um Schwangerschaftsverluste, um Beziehungen außerhalb des bürgerlichen Standardrepertoires gemeint. Es gibt Trauer, die der Sprache der Trauer entzogen wird. Sie wird nicht abgesprochen, sondern ihr Erleben ist einfach nicht vorgesehen.7

Damit erweitert Eco Grief nicht nur unser Gefühlsvokabular, sondern verschiebt auch die Frage, wer oder was überhaupt als betrauerbar gilt. Das hat politische Konsequenzen, denn die Anlässe für ökologische Trauer sind ungleich verteilt. Nicht alle verlieren dasselbe und nicht alle haben dieselben Mittel, sie zu bearbeiten. Für manche ist der schneelose Winter eine melancholische Irritation, die durch „White Christmas“ von Bing Crosby besänftigt werden kann. Für andere bedeuten ausbleibender Regen, Hitze oder zerstörte Ökosysteme den Verlust von Einkommen, Gesundheit oder Nahrung. Eco Grief darf deshalb nicht zur ästhetischen Empfindsamkeit privilegierter Milieus schrumpfen. Wenn der Begriff etwas leisten soll, muss er die sozialen und globalen Ungleichheiten ökologischer Verluste mitführen.

Der andere Zeithorizont: Trauer geologisch gedacht

Die menschliche Trauerkultur arbeitet gern mit Zeitfiguren. Das erste Jahr nach einem Verlust gilt als besonders schwer. Danach, so die unausgesprochene Erwartung, werde es graduell leichter. Man soll zurückfinden, weitermachen, sich wieder dem Leben zuwenden. Diese linearen, idealtypischen Modelle können manchen als Orientierung helfen, öfter jedoch wecken sie falsche Erwartungen im Umkreis oder erzeugen Druck. Denn Trauer verläuft wellenförmig. Und hält sich selten an Kalender.

Ökologische Verluste passen noch schlechter in diese vermeintliche Ordnung. Es gibt kein Trauerjahr für den absterbenden Buchenwald. Kein Ende der Trauer um Arten, deren Verschwinden Teil eines fortlaufenden Prozesses ist. Ein Gletscher speichert Jahrhunderte, ein Moor Jahrtausende. Wenn solche Gefüge beschädigt werden, verlieren wir verdichtete Zeit. Was ist hier das angemessene Maß, die passende Skala für Trauer?

Wer an diesen Formulierungen Anstoß nimmt, sieht womöglich die Lernmöglichkeit, die sich daraus ergibt: Ökologische Trauer könnte menschliche Trauerkultur erweitern, indem sie sie kritisch befragt. Natur kennt keine pauschalen Fristen, einheitlichen Verläufe oder feinsäuberlich trennbaren Stadien. Stattdessen Zyklen, Brüche, Regenerationen, irreversible Schäden, lange Ruhezeiten, unerwartete Rückkehr. Eine Trauerkultur, die von ökologischen Zeitläufen lernt, könnte insgesamt großzügiger werden: weniger normierend, weniger lösungsfixiert, offener für Ambivalenzen. Doch auch hier ist Vorsicht nötig. „Die Natur“ ist keine einfache Lehrmeisterin, die automatisch tröstet und von selbst heilt. Wer sie romantisiert, übersieht leicht die Härte irreversibler Verluste. Ein ausgestorbenes Tier kehrt nicht auf wundersame Weise zurück, weil wir Menschen gelernt haben, geduldiger zu trauern.

Wenn ökologische Verluste unsere gewohnten Trauerzeiten und Abschiedsrituale befragen, führt der Blick folgerichtig dorthin, wo Endlichkeit Form gewinnt: auf Friedhöfe, zu Ritualen, in die Kunst. Der zweite Teil dieses Artikels folgt dieser Spur und fragt, wie eine nachhaltige Bestattungskultur Eco Grief aufnehmen könnte.


  1. Dieser zweiteilige Artikel widmet sich einem Gefühlskomplex, für den es im Deutschen noch keine etablierten Begriffe gibt: Eco Grief bzw. ökologische Trauer/Klima oder Umwelttrauer. Wir nehmen diesen Befund als Ausgangspunkt, um deren Aufkommen und Erfahrung einzuordnen und als Chance und Herausforderung für eine nachhaltige Bestattungskultur zu verstehen.  ↩︎
  2. Cunsolo, Ashlee / Ellis, Neville: „Ecological grief as a mental health response to climate change-related loss“, in: Nature Climate Change 8 (2018), S. 275–281. ↩︎
  3. Kevorkian, Kriss (2020): »Environmental Grief«, in: Darcy L. Harris (Hg.): Non-Death Loss and Grief. Context and Clinical Implications, London/New York: Routledge, S. 216–226. ↩︎
  4. Die Überlegungen dieses Beitrags wurden durch den Austausch mit Alena Mathis inspiriert, die ihre Dissertation zur Erforschung von Solastalgie verfasst. Die hier formulierten Verknüpfungen, Deutungen und Schwerpunktsetzungen liegen bei der Autorin; der kollegiale Dialog war jedoch ein wichtiger Impuls, um die begrifflichen Spannungen rund um Eco Grief und Solastalgie klarer zu sehen. ↩︎
  5. Albrecht, Glenn A.: „Solastalgia: A New Concept in Health and Identity“, in: Philosophy Activism Nature 3 (2005), S. 41–55; sowie ders.: Earth Emotions. New Words for a New World, Ithaca/London 2019. ↩︎
  6. Neckel, Sighard / Hasenfratz, Martina (2021): »Climate Emotions and Emotional Climates. The Emotional Map of Ecological Crises and the Blind Spots on Our Sociological Landscapes«, in: Social Science Information, 60. Jg., H. 2, S. 253–271. DOI: 10.1177/0539018421996264. ↩︎
  7. Doka, Kenneth J. (Hrsg.): Disenfranchised Grief: Recognizing Hidden Sorrow, Lexington 1989. ↩︎

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