Ein Spaziergang über die BEFA 2026
Die BEFA Forum, eine der größten internationalen Bestattungsfachmessen, hatte sich in diesem Jahr drei Begriffe auf die Fahnen geschrieben: „vielfältig, innovativ, nachhaltig“. Schlagwörter, markig genug, um fast alles unter sich zu vereinen, und elastisch genug, um nicht genau erklären zu müssen, was sie bedeuten. Im besten Fall bauen sie aufeinander auf und widersprechen sich nicht.
Diese große BEFA findet nur alle vier Jahre in Düsseldorf statt; vom 4. bis 6. Juni war es wieder so weit. Inzwischen finden sich Erfolgsberichte und Rückblicke auf vielen Kanälen, und auch wir wollen unsere Impressionen teilen – aber nicht als weiteres Schaulaufen der Superlative. Interessanter wird es nämlich dort, wo man einen Schritt hinter die Verkaufsrhetorik tritt und fragt, was sich in der Fülle der Dinge eigentlich zeigt.
Natürlich gehört zu einer B2B-Messe der Stolz auf Neuheiten, es liegt in der Natur der Sache, dass dies alles andere ist als ein Ort der Zurückhaltung. Hier wird aufgefahren, was die Bestattungsbedarfsbranche zu bieten hat: Gadgets mit High-Tech-Oberfläche wie digitale Särge, Digitalisierungs-Software für Bestattungsinstitute, Licht- und Soundkonzepte, glänzende Überführungskarossen mit allen technischen Raffinessen.
Großer Markt für kleine Gefäße
Noch beeindruckender war allerdings die schier unendliche Vielfalt an Urnen – passend zum zeitgleich gefeierten 150-jährigen Bestehen der Kremation, der mittlerweile meistgewählten Bestattungsform in Deutschland. Die Urnenauswahl zeigte sich nicht nur bei den etablierten Branchengrößen, deren meterlange Regalreihen zum Inventar derartiger Fachmessen gehören. Auffällig war vielmehr, dass auch kleinere Werkstätten und Start-ups das letzte Gefäß als Experimentierfeld für sich entdeckt haben.

Da gab es Holz in allen denkbaren Maserungen, kunsthandwerklich verarbeitet in Intarsien oder in schwungvoll geschnitzten Formen. Es gab textile Hüllen, quasi gefäßgewordene Garderoben, die teils täuschend echt nach modischen Accessoires aussahen.
Formschön vergehen
Die schon durch Boulevardmedien bestaunten Handtaschenurnen wirkten direkt neben den auf Hochglanz polierten Bestattungsporsches fast folgerichtig so, als hätte man den Umgang mit sterblichen Überresten kurzerhand in eine Boutique verlegt. Ob der Preis auch in die Richtung Gucci ging, entzieht sich unserer Kenntnis.
Hier zeigte sich, wie weit eine Warenästhetik in die Bestattungskultur hineinreicht, die wir aus Mode, Wohnen und Lifestyle längst kennen. Tatsächlich scheinen, so der Eindruck aus mehreren Gesprächen, einige Akteur:innen aus Interior, Produkt- und Verpackungsdesign in der Urnengestaltung ein neues Feld gefunden zu haben.
Was macht diese kleine Form für Hersteller:innen so attraktiv? Eine Urne ist handlich, bei ihrer Produktion lässt sich leichter mit Design, Material und Versand experimentieren als bei der eines Sargs. Sie braucht weniger Raum und Logistik und erlaubt dennoch eine enorme Varianz. Urnen können bemalt, bedruckt, bestickt, lackiert, gefräst, in 3D geformt werden.
Urnen als personalisierte Projektionsflächen
Zugleich sind Urnen durch die hohen Kremationsraten das meistgewählte letzte Zeichen von Individualität: Die Schmuckurne steht bei der Trauerfeier sichtbar im Raum und wird zunehmend als Präsentationsfläche einer ganzen Biografie verstanden. Urnengestaltung lässt sich an Lebenswelten anpassen: an Lieblingsbands, Berufsbilder oder Hobbys. Selbst die nahende Fußballweltmeisterschaft schlug sich im zeitgemäßen Pendant eines Keramikfußballs nieder. Bei Tierurnen wiederum fand sich die Symbolisierung des verstorbenen Vierbeiners ebenso wie die sprichwörtliche Regenbogenbrücke, hier wurden aber auch Kombinationen aus Erinnerungsschmuck oder Andenken-Urnen im Miniformat feilgeboten.



Zu einer Messe gehört der Show-Effekt, und nicht wenige Anbieter ließen sich etwas einfallen, um aus der Masse hervorzustechen. Eine Schokoladenurne spielte mit Materialwitz und der Frage nach Vergänglichkeit – die in diesem Fall wohl leichter zu klären ist als bei manch anderen Verbundstoffen.
Biologisch abbaubar, ästhetisch anschlussfähig
Viele Urnen wirken ökologisch plausibel, weil sie natürlich aussehen: zurückgenommene Farben, sichtbare Fasern, bewusst unperfekte Oberflächen, gelegentlich ein fast pädagogischer Materialstolz. Die dazugehörigen Claims erzählten von Kreislauf und Ressourcenschonung. Kohle, Papier, Spelz, Moor, Pilz oder niedrig gebrannte Keramik sind ernstzunehmende Versuche, die Materialität des Abschieds neu zu denken.


Doch Nachhaltigkeit betrifft nicht nur Materialien, sondern auch Marktbewegungen. Nicht alles, was auf einer Messe glänzt, wird später im Alltag der Bestattungshäuser bestehen. Über manchen Ständen lag die Frage, wer in vier Jahren wieder hier stehen wird und wer dann nur noch als Episode einer innovationsfreudigen Phase erinnert wird. Gerade kleinere Anbieter tasteten nach einem Zugang zu den Bestattern, die als Vermittler entscheiden, was überhaupt in die Auswahl der Angehörigen gelangen kann .
Konsumlust am Lebensende?
Niemand würde ernsthaft erwarten, dass ausgerechnet auf einer Fachmesse radikale Reduktion zum Leitprinzip wird. Und doch mutet die ausgestellte Materialfülle eigentümlich an, sobald man sie vor dem Hintergrund jenes alten Satzes betrachtet, der so schlicht wie wahr daran erinnert, dass das letzte Hemd keine Taschen hat. Sterben bedeutet, in religiösen und philosophischen Vorstellungen, auch Entäußerung: Loslösung vom Besitz, vom Körper, von den sozialen Rollen und Dingen, mit denen ein Leben ausgestattet war. Tritt man von dem Gewusel der Messestände zurück, ist bemerkenswert, wie viel an Dingwelt noch einmal mobilisiert wird, wenn es um Abschied geht.
Unser Rundgang ist mehr als eine konsumkritische Betrachtung über eine ausufernde Produktlandschaft. Wo über 250 Aussteller zusammenkommen, entsteht auch für uns Außenstehende ein Bild davon, wie sich die Branche selbst entwirft und welche Versprechen sie formuliert. In der Urnen-Unwucht materialisiert sich, was die aktuelle Bestattungskultur kennzeichnet: Die Sehnsucht nach persönlicheren Abschieden, der Einzug von Lifestyle-Ästhetik und neuen Quereinsteiger:innen, die wachsende Ankunft eines Kreislaufdenkens, aber auch die Gefahr, Unverfügbares vorschnell in Oberflächen zu übersetzen.


Die vielversprechendste Neuheit bot für uns das neuartige Verfahren der Lavation, das von den Innovator:innen vorgestellt wurde. Wenn die drei Messe-Vokabeln „vielfältig, innovativ und nachhaltig“ irgendwo wirklich ineinandergreifen, dann wohl dort – nicht in noch einem letzten Ding, sondern in einem Prozess, der auf weniger zusätzliche Ressourcen angewiesen ist.
Bei all den Materialaspekten bleibt deshalb über das Materielle hinaus zu fragen, welche nachhaltige Zukunft diese Innovationskraft und Vielfalt vorbereiten soll: Eine ganzheitlich reflektierte Bestattungskultur – oder eine, die vor allem gelernt hat, Verantwortung in einem stylishen Gefäß zu begraben.





