„Das isch sie“, sagt Jochen Lutz in schönstem Schwäbisch, als er mir eine stählerne Vorrichtung präsentiert. Eine unscheinbar in die Wand eingelassene runde Edelstahltür. Dahinter befindet sich der Prototyp der Lavationsanlage, die Anfänge ausgetüftelt mit seinen Söhnen Michael, Patrick und Jannick, jetzt voll funktionsfähig – und noch immer nicht im Betrieb. Daran hat sich seit meinem Besuch des Krematoriums am Waldfriedhof in Schwäbisch-Hall im Juli 2025 nichts geändert.
Als ich im März 2026 die ZEIT-Reportage1 über die Lavation lese, erkenne ich vieles wieder, wovon ich mir auf Einladung bei der Familie Lutz vor etwa zehn Monaten selbst ein Bild machen durfte. Als umweltbewusste Alternative spart die Lavation gegenüber einer Feuerbestattung 90% der Energie und CO2 ein. Auch hinsichtlich der monetären Kosten läge die Lavation mit einer Kremation zumindest gleichauf, könnte sogar etwas günstiger sein, denn es wird kein Sarg benötigt. Alles vorerst im Konjunktiv formuliert, denn noch ist es nicht möglich, diese Alternative zu wählen. Ob die ZEIT-Reportage die so langsam wogenden Wellen der rechtlichen Zulassung ins Rollen gebracht hat?
Wasser im Krematorium: Warum Schwäbisch Hall neue Wege denkt
Als wir die Auffahrt zum Krematorium nehmen, fällt mir der architektonisch ambitionierte Bau aus Holzlatten auf, der sich wellenförmig vor der Waldkulisse erhebt. Angeschlossen ist dem Humankrematorium das Tierkrematorium „dank und treu“, um das sich vorwiegend Sandra Lutz kümmert. Die Verbindung von Tier- und Humankremation bietet für die innovative wasserbasierte Bestattungsmethode, an der die Familie Lutz seit 2020 arbeitet, eine ideale Umgebung.
‚Flammenlose Einäscherung‘ oder ‚Wasserkremierung‘ – begrifflich sind dies Gegensätze. Den zugrundeliegenden chemischen Vorgang der ‚alkalische Hydrolyse‘ haben wir auf dem Blog schon einmal beschrieben.2 Als Bestattungsmethode für Haustiere wurde sie ersonnen. Der Umgang mit tierischen Körpern bereitet oft den Boden für Veränderungen in der Bestattungskultur – auch bei der Humankompostierung/Reerdigung und Promession wurden erste Versuche stets mit Tieren durchgeführt.
Der Übergang zur Humanbestattung ist fließend, nicht nur in der Verwandtheit der Arten, sondern auch auf die Entwicklung der Verfahren. Die Zulassung für die europaweit erste Anlage zur ‚Aquamation‘ von Haustieren und Equiden erhielt „Dank und Treu“ Ende 2024. Die Familie Lutz hält an der Bezeichnung ‚Aquamation‘ (ein Kofferwort von aqua – Wasser – und dem Suffix -mation von der Kremation) für die Tierbestattung fest. Doch wie sieht es im Humanbereich aus?
Alternative ohne Flammen: Anfängliche Überlegungen
Eine Quelle der Veränderung liegt im persönlichen Erleben: Als ihr Sohn schwer erkrankte, wurde die Frage nach der eigenen Bestattung plötzlich konkret. Für ihn war die Feuerbestattung selbstverständlich, für seine Mutter Sandra Lutz nicht. Als zu aggressiv und zu zerstörerisch beschreibt sie ihr Empfinden der Feuerbestattung in unserem Gespräch. Eine verwunderliche Aussage für eine Familie mit über 20 Jahren Erfahrung in der Kremationsbranche und drei Söhnen, die bereits im Betrieb arbeiten.
Parallel dazu regte sich bei Jochen Lutz ein verfahrenstechnisches Unbehagen. Er engagiert sich seit längerem in VDI-Richtlinienausschüssen, beschreibt die schärfer werdenden Regulierungen als eine positive Entwicklung. Die strengeren Emissionsgrenzwerte und der verstärkte Fokus auf Schadstoffe seien zwar begrüßenswert, jedoch seien auch die neuesten privaten Kremationsanlagen technologisch „ausgereizt“. Optimierungsbemühungen zögen teils nur neue Probleme nach sich und der Energieverbrauch, der auf der einen Seite eingespart würde, fiele auf der anderen Seite für Reinigung von Filteranlangen wieder an. Den Wandel in der Bestattungsbranche beschreibt er als schwerfällig. Er ließ sich von diesem Innovationsstau jedoch nicht behindern und begann mit seinen Söhnen Michael, Patrick und Jannick zu tüfteln. 2004 sei er schon einmal auf die Alkalische Hydrolyse (AH) in den USA gestoßen, „aber so, wie es damals umgesetzt wurde, das war für uns nicht vorstellbar.“
Um die aus ihrer Sicht ethisch nicht vertretbaren Aspekte3 aufzuwiegen, adaptierten, improvisierten und probierten sie. Patrick Lutz, der Zweitälteste, hatte seine Bachelorarbeit über die technische und ökonomische Machbarkeit der Aquamation verfasst. Mit Zubehör aus dem Brauereibedarf bastelten sie Mini-Anlagen, „so wie ich mir vorgestellt habe, dass es funktionieren könnte oder müsste.“ Die ersten Versuche fanden mit Tiefkühlhähnchen statt. Belustigt über die hemdsärmelige Entwicklungsarbeit ihres Chefs hatten Mitarbeiter schon ein Schild aufgestellt, „Jugend forscht“.
Mit Tröpfchen benetzt: Wie die Lavation funktioniert
Bei der Konzeption der mittlerweile patentierten Methode achteten Michael, Patrick und Jochen Lutz auf einen schonenden und sanften Ablauf. Die Lutz‘sche Anlage arbeitet – anders als die als ‚Resomation‘ markenrechtlich geschützten Varianten in Großbritannien und den USA – nicht mit Hochdruck. Außerdem wird der Körper nicht schräg in den Behälter gestellt, sondern verbleibt durchgehend in der Horizontalen und wird nicht bewegt. Nachdem der Verstorbene in ein Tuch gehüllt in den Behälter eingebracht wurde, wird dieser verschlossen und auf 96 Grad erwärmt. Der Körper wird nicht in ein Wasserbad getaucht, sondern mit einem feinen Nebel aus Düsen mit einer Lösung besprüht, die zu 95 Prozent aus Wasser und zu fünf Prozent aus Kaliumhydroxid besteht. Jochen Lutz bemüht zur Veranschaulichung in Interviews gerne das Bild eines „Dampfbads“. Diese Formulierung brachte ihm zwar Spott von Rechtsmediziner Klaus Püschel ein, letztendlich erklärte jedoch sogar dieser berüchtigt kritische Kommentator, das Verfahren sei „ausgesprochen elegant“4. Durch die nur tröpfchenweise Benetzung ist der Wasserverbrauch sehr gering, über 90 Prozent werden in den Wasserkreislauf zurückgeführt.
Unter normalem atmosphärischem Druck von 1 bar löst sich der Körper in seine natürlichen Bestandteile auf. Übrig bleibt eine mikrobiologisch sterile und DNA-freie Flüssigkeit aus Aminosäuren, Peptiden, Zucker und Salzen. Der Vorgang dauert je nach Gewicht 10 bis 16 Stunden, länger als bei anderen Formen der AH, die mit 160 Grad und erhöhtem Druck von 4 bar operieren.
Die Sanftheit zeigt sich an der feinen Struktur der überbleibenden Knochenreste. In einer Siebwanne demonstriert mir Jochen Lutz, wie porös die strahlend weißen Katzen-, Enten- und Pferdeknochen sind. Sie können nach der Trocknung leicht zerkleinert und in einer Urne beigesetzt werden.
Gegen den Strom: Von der Idee zur ernsthaften Option
Der niederländische Gesundheitsrat hatte im Jahr 2020 und ergänzend wieder 2025 der alkalischen Hydrolyse in den Kategorien Sicherheit, Würde und Nachhaltigkeit einen positiven Bescheid ausgestellt. Die ersten Erprobungen in Schwäbisch-Hall wurden anhand von Tierspenden mit einer Forschungsbewilligung durch die Universität Hohenheim vorgenommen. Auch deren Gutachten belegt die Umweltfreundlichkeit, verfahrenstechnische Sicherheit und gesundheitliche Unbedenklichkeit der entstehenden Restflüssigkeit.
Ein Gutachten des Bonner Professors für Bioethik Dirk Lanzerath aus dem Jahr 2023 befindet zur „ethischen Vertretbarkeit der Einführung von Verfahren der alkalischen Hydrolyse im Bestattungswesen in Deutschland“5 in hygienischer, kultureller und anthropologisch-ethischer Sicht, sie könne zur Feuerbestattung analog betrachtet werden.6 Er kommt zu dem Schluss, dass die sich an die Lavation anschließenden Abschiedsrituale und die Beisetzung einen pietätvollen Umgang mit den menschlichen Überresten garantieren.
Allerdings können auch derartige Urteile die Wahrnehmungsgewohnheiten und die individuelle Akzeptanz nicht beeinflussen. Der affektive Widerstand mancher Menschen speist sich wohl aus popkulturell vermittelten Schauerbildern.7 Auch das Einleiten der Prozessflüssigkeit in die Kanalisation und die damit einhergehende Konnotation der Entsorgung wirkt für viele zunächst entwürdigend. Gleichwohl wurden auch vor der Einführung der Feuerbestattung Ende des 19. Jahrhunderts ästhetische Gegenargumente angeführt; man verglich sie mit der Hexenverbrennung. Welche menschlichen Partikel der Kremationsrauch in die Luft trägt, fragt kaum jemand.
Der aktuelle (Wasser-)Stand: Wo steht das Vorhaben derzeit?
„Lavation – der sanfte Weg“8 heißt es auf der eigens angelegten Webseite, das „V“ bildet die Mittelachse des Unendlichkeitszeichens. Alle digitalen Elemente fließen ineinander und unterstützen somit die Erzählung, die der neuen Bestattungsmethode zu Sichtbarkeit und Akzeptanz verhelfen möchte. Auf einer Sektion sieht man ein Bild eines ‚Lavariums‘, ein von einem Architekten entworfener lichtdurchfluteter Abschiedsraum. Noch steht es nur auf der Homepage, es handelt sich dabei um eine Zukunftsvision.
Die Lutzens gehen auch in der Vermittlung ihrer Innovation sanfter vor als die ebenfalls privatwirtschaftlich agierenden Anbieter der alternativen Bestattungsmethode `Reerdigung´. Sie haben keine Stabstelle für Public Relations. Sie sind zwar nicht medienscheu, suchten die publizistische Öffentlichkeit allerdings erst, als sie sich wissenschaftliche, technische und ethische Expertise eingeholt hatten.
Ein Verb für den ersonnenen Vorgang haben sie noch nicht gefunden – ‚lavatieren‘, oder ‚lavamieren‘?
Lavieren müssen sie in jedem Fall durch die verschiedenen Gremien und politischen Ausschüsse, vor denen sie Anträge stellen. Einige Länder haben erste Schritte zur Legalisierung vorgenommen, so Belgien, Norwegen, die Niederlande und die Schweiz. Mit der Stadt Zürich ist die Familie Lutz zum Zeitpunkt unseres Treffens im Gespräch.
Wie viel Wasser noch den Rhein hinunterfließen muss, bis die Lavation hierzulande in Anspruch genommen werden kann? Um eine Zulassung in Deutschland ringt die Familie Lutz noch immer. Die langwierigen Prozesse und zahlreichen Verzögerungen sind frustrierend. Im Austausch mit den Sozialministerien in Schleswig-Holstein werden sie seit Monaten um Geduld gebeten. In Husum stehen sie in den Startlöchern, könnten eine Anlage nach der Freigabe durch die Erprobungsklausel im dortigen Bestattungsgesetz in Betrieb nehmen. Dass mediale Aufmerksamkeit, etwa durch überregionale Berichterstattung, das Thema inzwischen stärker in den politischen Fokus gerückt hat, ist einer der wenigen Hebel, die außerhalb des Rechtswegs bleiben. Dadurch seien nun auch Politiker:innen aus Baden-Württemberg, Berlin und Sachsen auf sie zugekommen und wollten sich die Anlage vorführen lassen, schildert Jochen Lutz.
Wann sie denn endlich die Lavation anbieten würden, werde oft gefragt, in der Bevölkerung sei das Interesse groß. Eine klassische Zielgruppe lasse sich nicht erkennen, die Entscheidung folge weniger demografischen Mustern als einem Bauchgefühl. Die Reaktionen, schildert Sandra Lutz, sind dabei oft so polarisierend wie Wasser und Feuer: „Entweder wow – genau meins. Oder nein.“
Die Elementarmetaphern unserer Bestattungskultur, Feuer als Reinigung, Erde als Herkunft, erhalten Konkurrenz durch das Wasser, ein Element, das in der Geschichte der Menschheit schon immer für Übergänge stand. Die Entscheidung für eine Bestattungsart steht jedem und jeder frei, gemäß den eigenen emotionalen, kulturellen und weltanschaulichen Überzeugungen. Eine weitere Option anzubieten, bedeutet nicht, bestehende Formen fortzuspülen, sondern elementare Bedürfnisse einer pluralistischen Gesellschaft ernst zu nehmen. Wie lange dies noch dauert? Es bleibt abzuwarten.
Panta rhei.
- Lüdemann, Dagny: „Auflösen tun wir uns doch alle irgendwann“. Zeit Nr. 15/2026, veröffentlicht am 31. März 2026. https://www.zeit.de/wissen/2026-03/bestattungsmethode-alternative-lavation-alkalische-hydrolyse-nachhaltigkeit/komplettansicht ↩︎
- https://kreiswaerts.de/blog/resomation-wie-nachhaltig-kann-bestattung-heute-sein/ ↩︎
- Darunter fasst er das Eintauchen des Verstorbenen in den ‚Resomator‘, die anschließende Verbringung in eine Schrägposition wie in einem „Kanonenrohr“, sowie die Störung der Totenruhe durch die sich anschließende Bewegung. ↩︎
- Püschel in Lüdemann 2026 (s. Anmerkung 1). ↩︎
- Lanzerath, Dirk: Zur ethischen Vertretbarkeit der Einführung von Verfahren der alkalischen Hydrolyse im Bestattungswesen in Deutschland. Bonn 2023, https://bonndoc.ulb.uni-bonn.de/xmlui/bitstream/handle/20.500.11811/10875/Lanzerath_Gutachten_Alkalische_Hydrolyse.pdf ↩︎
- Dies bezieht sich etwa auch auf die religiösen Haltungen gegenüber der neuen Bestattungsmethode. In den Traditionen des Judentums und Islams, in denen die Unversehrtheit des Körpers sowie seine Rückkehr zur Erde zentral sind, wird die Kremation mehrheitlich abgelehnt. Aus vergleichbaren Gründen dürfte auch die Lavation auf Vorbehalte stoßen. ↩︎
- Auch in der ZEIT-Reportage referenziert werden mafiöse Beseitigungsmethoden in Säurebädern oder Szenen in Breaking Bad erneut referenziert. ↩︎
- https://www.lavation.de/ ↩︎









