Über die Herausforderungen von Friedhofsgärtner:innen
Friedhofsgärtnerei – das klingt nach einem melancholisch-schönen Arbeitsplatz mit Ruhe und Blumen, Grabpflege und Rasenmähen.
Weniger bekannt ist, wie vielfältig diese Arbeit ist – mit Tätigkeiten, die kaum jemand im Blick hat: Gräber ausbaggern unter erschwerten Bedingungen zum Beispiel durch klimawandelbedingte Bodentrockenheit in der Tiefe; für Wegesicherheit im Winter sorgen; Bäume im Blick behalten, die durch Sturm Äste verlieren. Und: Lösungen finden für das, was nicht vergeht.
Denn Friedhofsgärtner:innen1 haben aus nächster Nähe mit dem zu tun, was bleibt. Die unangenehme Realität ist: Manches davon erinnert traurigerweise an die Arbeit von Müllwerker:innen. Gesamtgesellschaftlich haben wir alle einen Anteil daran und eine besondere Verantwortung kommt speziell den Bestatter:innen zu.
Ordnung in der Friedhofssatzung vs. Unordnung in der Realität
In Deutschland ist Bestattung Ländersache, Gemeindeangelegenheit und jeder Friedhof hat seine eigene Friedhofssatzung. In einer Hinsicht sind sich aber alle mir bekannten Festlegungen einig. Auf den Friedhof dürfen nur ungiftige und vollständig vergängliche Materialien gebracht werden, sowohl bei der Erdbestattung als auch bei der Urnenbestattung und bei der Grabpflege.
So weit, so theoretisch. In der Praxis werden ganz offensichtlich Dinge eingegraben, die Friedhofsgärtner:innen nach Ende der Ruhezeit unverändert wiederfinden, wenn Gräber neu belegt werden: Bordüren, Sargfolien, Sarggriffe, Plastikbeutel, Schulranzen, Stofftiere, Kissen und Deckenfüllungen aus Polyester in verschiedenen Stadien der Degradierung. Lackschuhe, Sakko, Brillen, Strumpfhosen, Badeanzug und Badekappe. Die bestürzende Wahrheit ist: In dieser Ausstattung vergeht auch der darin befindliche Körper nicht so einfach.
Nun könnte man einwenden, das alles spiele bei einer Feuerbestattung keine Rolle und das Problem sei bei einer Kremierungsrate von 75% nicht relevant. Doch Krematorien sind keine industriellen Müllverbrennungsanlagen. Materialien, die schlecht oder sehr schadstoffreich verbrennen, sind eigentlich nicht erlaubt aber immer wieder vorhanden: Schuhe und Kleidung aus Kunststoff, Sargbeigaben aller Art, und – man mag es kaum glauben – medizinische Utensilien2. All das verbrennt zwar, aber nicht rückstandslos. Ein Teil der giftigen Reststoffe bleibt im Filter hängen und ein Teil ist unweigerlich in der Asche.
Und nicht nur im Grab, sondern auch auf dem Grab liegt viel Unvergängliches: Gestecke, die mit Steckschaum und Heißkleber fixiert sind, Plastikschleifen, Plastikblumen, Pflanzen in Plastiktöpfen, die wohlbekannten Grablichter aus rotem Plastik. All das bringen Friedhofsgärter:innen nicht zum Komposthaufen, sondern zum Müllcontainer. Die Kosten für Müllentsorgung sind signifikant und Friedhöfe beklagen das seit Jahren.
Vertrauen ist gut – Kontrolle ist unmöglich?
Wenn aber doch die Friedhofsordnungen und Bestattungsgesetze dies alles gar nicht erlauben – warum haben Friedhofsgärtner:innen trotzdem täglich damit zu tun?
Schauen wir genauer auf den Ablauf einer Erdbestattung. Der tote Körper wird im Bestattungshaus versorgt, eingekleidet und in den Sarg gelegt. Vielleicht nehmen Angehörige am offenen Sarg noch einmal Abschied. Sie bringen Sargbeigaben, Dinge, die sie mit dem/der Verstorbenen verbinden. Vielleicht den Wanderrucksack (er ist doch so gern gewandert, er soll den Rucksack auf seiner letzten Reise dabeihaben), vielleicht die roten Lackschuhe (sie tanzte doch so gern), vielleicht Kuscheltiere (der Bär war so wichtig, der soll die letzte Reise begleiten).
Dann wird der Sarg zum Friedhof transportiert. Die Trauergemeinschaft ist vor Ort. Die Sargträger:innen stehen bereit. Dies wäre der einzige Moment, in dem die Friedhofsverwaltung eine Kontrolle von Sarg und Inhalt vornehmen könnte.
Theoretisch gefragt: Will man am Friedhof eine Kontrollstation vor dem Begräbnis einrichten und alles aus dem Sarg entnehmen, was nicht erlaubt ist? Und dann? Soll man den Bestatter:innen das Aussortierte wieder mitgeben? Abgesehen davon, dass diese Situation kaum denkbar ist – wer sollte das tun? Friedhöfe sind oft nicht besonders gut mit Personal ausgestattet. Also wird der Sarg mit allem, was sich in ihm befindet, begraben.
Friedhofsverwaltungen wissen, welches Grab von welchem Bestatter belegt wurde. Noch einmal theoretisch gedacht: Friedhöfe könnten bei einer Grabneubelegung die wiedergefundenen Materialien beim Bestattungshaus beanstanden und Entsorgungskosten fordern. Jedoch müssten sie den Recherche- und Verwaltungsaufwand und ggf. die juristische Arbeit selbst leisten. Und was ist, wenn das Bestattungsinstitut nach 25 Jahren vielleicht gar nicht mehr existiert oder verkauft wurde?
Was bleibt, ist eine große Herausforderung
Wenn ein Grab auf dem Friedhof ausgehoben wird, muss dieser Aushub sortiert werden. Knochen werden wieder zurück auf den Grund des Grabes gelegt und mit Erde bedeckt. Darauf wird dann der neue Sarg gesenkt. Doch oft muss das Vergängliche vom Unvergänglichen erst einmal getrennt werden. Das müssen dann Friedhofsgärtner:innen machen. Was für eine Aufgabe muten wir diesen Menschen eigentlich zu?
Die Alternative wäre es, nichts zu trennen, sondern alles beieinander zu lassen und wieder einzugraben. Vielleicht haben zukünftige Generationen eine schlaue Idee, wie das Problem zu lösen ist …?
Manche Friedhöfe haben „No Go Areas“, das heißt, dort werden keine Gräber wiederbelegt. Manchmal, weil dort die Bodenverhältnisse so schlecht sind, dass eine Erdbestattung nicht mehr möglich ist. Manchmal aber auch, weil die Verwaltung weiß, welche Materialien dort beigesetzt wurden: früher wurden Zinksärge verwendet, heute Bodybags aus PE-Folie, die laut Hersteller „reißfest und wasserdicht“, aber angeblich kompostierbar seien. Nachschauen möchte keine:r.
Dasselbe Problem stellt sich auch bei Urnenbestattungen. Bis vor wenigen Jahren bestanden Aschekapseln aus Plastik und waren verschlossen mit einem Aluminiumdeckel. Diese Kapseln wurden in Überurnen aus Metall, Verbundstoffen oder gebrannter Keramik gesteckt. Immerhin werden die Kapseln mittlerweile zum Teil aus Lignin hergestellt, aber auch immer noch aus PLA und Verbundstoffen, die im Erdboden nicht vergehen.
Was macht man mit Urnen, wenn die Ruhefrist abgelaufen ist und sie nicht zersetzt wurden? Manche Friedhöfe leeren die Asche an einer Sammelstelle in die Erde aus und entsorgen die Gefäße, andere begraben alles wieder. Alle Friedhofsmitarbeiter:innen, mit denen ich gesprochen habe, wünschen sich, dass ausschließlich Materialien verwendet werden, die zu 100% in kurzer Zeit im Erdboden zersetzt werden.
Eine neue Bestattungskultur, die Frieden mit der Mitwelt schließt
Für mich ist die einzig logische Konsequenz aus diesen Gesprächen: Wir brauchen dringend eine neue Bestattungskultur. Mit einem Verständnis davon, was eine Bestattung hinter dem kulturellen, psychologischen und transzendentalen Überbau ist: es ist das Abschiednehmen von der körperlichen Hülle eines Menschen, die wieder in das Gesamtsystem der Biosphäre zurückgeht. Wenn wir anfangen, die Dinge von dieser Position aus zu betrachten und neu zu denken, dann folgen unter dieser Prämisse ganz sicher andere Rituale, andere Materialauswahl, andere Verfahren.
Bestatter:innen kommt dabei, wie schon oben erwähnt, eine Schlüsselrolle zu. Sie sind Vermittler:innen zwischen Angehörigen mit unhinterfragten Vorstellungen und sinnvollen Begräbnisriten, die die Umwelt und auch alle anderen Menschen, die im Nachhinein noch damit zu tun haben, nicht vor unlösbare Probleme stellen.
Auch wenn ich das Hauptargument von Bestatter:innen nachvollziehen kann, das ich immer wiederkehrend höre: Der letzte Wille und die Wünsche der Angehörigen stehen über allem – wenn es Trost spendet, dann hat das seine Berechtigung! – so stellt dieses Argument doch eine Patt-Situation her. Schachmatt. Mensch gegen Umwelt. Individuum gegen Mitwelt. Damit kommen wir nicht weiter.
Verantwortung übernehmen zum Wohle aller
Wer könnte überhaupt Menschen darüber aufklären, dass all diese Materialien sehr lange Zeit problematisch sind – wenn nicht gar für immer, wie zum Beispiel in Form von Mikroplastik? Wer könnte verhindern, dass diese Materialien in der einen oder anderen Form in den Erdboden gelangen? Das sind sicher in erster Linie die Profis: Bestatter:innen und Bestattungsbedarfshersteller. Aber auch Krematoriumsmitarbeiter:innen, Friedhofsverwalter:innen, Sterbebegleiter:innen, Sterbeammen. Und nicht zuletzt wir alle – Jede:r, der die eigene Bestattung plant und mit den Zugehörigen darüber spricht und jede:r Zugehörige, der/die Entscheidungen trifft.
Könnte nicht eine Bestattungskultur, die alle und alles mit in den Blick nimmt, die vielleicht etwas schlichter ist, aber dafür weniger Probleme nach sich zieht, uns allen auch eine Form von Trost durch Verbundenheit mit unserer Umwelt vermitteln? Dies wäre nicht allzu schwer umzusetzen, indem wir uns für Materialien, Rituale und Verfahren entscheiden, die diese Verbundenheit spürbar und sichtbar machen.
Dann könnte sich die Arbeit der Friedhofsgärtner:innen vielleicht auch dem eingangs beschriebenen Fantasiebild annähern – nämlich gestalterische Sorge tragen für den Ort, an dem Trauer einen Platz in der lebendigen Mitwelt hat, in die unsere Verstorbenen wieder eingegangen sind.
- Alle Menschen, mit denen ich in der Recherche zu diesem Blogbeitrag gesprochen habe, möchten nicht namentlich genannt werden. Sie arbeiten alle in angestellten Arbeitsverhältnissen und wollen ihre Jobs nicht riskieren. Ich formuliere deshalb neutral und ohne Zitate. ↩︎
- Wie z.B. Katheter, Tubus und Infusionsbesteck. Da die Krankenversicherung nur noch die Krankenversorgung abdeckt, aber nicht mehr die Totenversorgung – d.h. dafür keine finanzielle Vergütung an Krankenhäuser gezahlt wird – werden auf Station Verstorbene oft nicht mehr berührt. Zudem gilt es, sich abzusichern, auch das ist ein Grund, warum alles (was auch als Beweismaterial gelten könnte) an Verstorbenen belassen wird, falls in der Pathologie oder der Rechtsmedizin Todesursachen untersucht werden sollen. Und so sind zuletzt Bestatter:innen damit konfrontiert. Sie müssten die medizinischen Utensilien entfernen und als medizinischen Sondermüll entsorgen. Von dieser problematischen Herausforderung berichten Bestatter:innen und Krematoriumsmitarbeiter:innen immer wieder in persönlichen Gesprächen, aber auch in den sozialen Netzwerken. ↩︎









