Oberirdische Grabkammern auf dem Friedhof Saarbrücken
LHS | Frank Becker

Oberirdische Grabkammern – Italienische Bestattung auf Saarbrücker Art

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Nachhaltigkeit als mehrdimensionale Perspektive

Nachhaltigkeit im Kontext von Bestattung beschränkt sich nicht auf Fragen von Material, Energieverbrauch oder Flächennutzung. Sie umfasst ebenso soziale, kulturelle und psychologische Dimensionen. Friedhöfe sind keine rein funktionalen Orte, sondern gesellschaftliche Resonanzräume: Hier verdichten sich Fragen von Identität, Integration, Ritualpraxis und kollektiver Erinnerung. Wie eine Gesellschaft ihre Toten bestattet, sagt viel darüber aus, wie sie mit Diversität, Zugehörigkeit und Verantwortung umgeht. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch das Saarbrücker Modell der oberirdischen Grabkammern als Beitrag zu einer mehrdimensional verstandenen Nachhaltigkeit lesen.

Diversität und Integrationspolitik auf dem Friedhof

Mittlerweile ist es auf vielen größeren Friedhöfen Gang und Gäbe, verschiedene Grabfelder anzubieten, zum Beispiel religiös orientierte Flächen für Muslime, Yeziden oder christlich-ökumenische Bereiche, aber auch für Kinder und Sternenkinder, für Urnen oder Rasenflächen zur Verstreuung von Asche. Eine besonders wichtige Entwicklung ist die Einführung von Grabfeldern für nichtchristliche Gruppen und für Mitglieder nichtdeutscher Communities. Die Möglichkeit, verstorbene Angehörige ähnlich der gewohnten Traditionen beerdigen zu können, ohne dass dafür eine Überführung ins Herkunftsland notwendig ist, ist elementar für eine umfassende Integrationspolitik. Denn eine sich verändernde Gesellschaft spiegelt sich auch in einer sich entwickelnden Bestattungskultur wider.

Entstehung des Saarbrücker Modells

Auf dem Hauptfriedhof der Landeshauptstadt Saarbrücken wurde 2007 ein weiterer Schritt getätigt, um die Diversität der deutschen Gesellschaft auch auf Bestattungsebene zu repräsentieren: Oberirdische Grabkammern – nach italienischem Vorbild. Die Italiener:innen bilden eine der größten nichtdeutschen Bevölkerungsgruppen in Saarbrücken und dem Saarland: aktuell die zweitgrößte, nach der syrischen Community. Die Anzahl der Rückführung Verstorbener in die Herkunftsländer geht stetig zurück, das lässt sich auch bei der italienischen Community beobachten. Guglielmo Scandariato, Mitglied des damaligen Ausländerbeirates (heute: Integrationsbeirat) hat den Bau einer Grabanlage für die italienische Community in Saarbrücken initiiert. Eine Gesetzesänderung markierte 2006 den Startschuss für die ersten oberirdischen Grabkammern in Deutschland.

Aufgrund der einzigartigen Bauweise, die in Saarbrücken erfunden, entwickelt und umgesetzt wurde, benannte man das Grabkammersystem als das Saarbrücker Modell. Planung und Konzeptentwicklung des Baues gingen Hand in Hand mit einer ausführenden Firma, die vorher bereits unterirdische Grabkammern produzierte. Die Landeshauptstadt Saarbrücken hat den gesamten Bau der sieben oberirdischen Komplexe mit insgesamt 296 Grabkammern finanziert.

Standortwahl und landschaftliche Einbindung

Bei der Standortauswahl spielten verschiedene Aspekte eine Rolle. Wichtig war ausreichend Platz, um eine reibungslose Anlieferung der Särge zu gewährleisten. Doch auch der parkähnliche Charakter des Saarbrücker Hauptfriedhofes sollte erhalten bleiben, denn für einen (deutschen) Friedhof stellen die oberirdischen Grabkammern ein ungewöhnlich hohes Bauwerk dar – und aus diesem Grund wurden sie vor dem Waldrand platziert und fügen sich so gut in die grüne Umgebung ein.

Konstruktion und technische Besonderheiten

Die einzelnen Grabkammern bestehen aus Spezialbeton und wurden auf ein spezielles frostsicheres Fundament, zweistöckig übereinander gesetzt. Alle Elemente wurden in U-Form konstruiert, mit der Öffnung Richtung Wald. Die Anlage wurde mit Naturstein von außen verkleidet, weil dieser die Eigenschaften Härte, Stabilität und Beständigkeit gegenüber Witterung vereint.

Elementar bei der oberirdischen Konstruktion sind die Belüftung, bzw. Geruchsfilterung und der ordnungsgemäße Flüssigkeitsablauf. Dies wird durch eine Filtermatrix auf der Rückseite der Kammern, Aussparungen zur Be- und Entlüftung sowie zur Entwässerung der Kammern und durch eine nach hinten leichte Abschüssigkeit von 1 % gewährleistet. Die Filtermatrix befindet sich im Inneren der U-Konstruktion und besteht aus sogenannten Gabionen (Drahtkörben), die mit Rindenmulch gefüllt sind, Betonverbundsteine bilden einen sauberen und stabilen Abschluss. In regelmäßigen Abständen wird der Füllstand des Rindenmulchs kontrolliert und gegebenenfalls aufgeschüttet. Darüber hinaus ist im Inneren dieser U-Konstruktion die Einlassung einer unterirdischen Grabkammer in den Boden geplant, in der nach Ablauf der Liegezeit von mindestens 20 Jahren mögliche Überreste verbracht werden sollen.

Nutzung, Gestaltung und Grabpflege

In den Grabkammern ist ausreichend Platz für einen Sarg (größtmögliche Abmessung: 70x70x210 cm) und zwei weitere Urnen, welche in der jeweiligen Vorkammer untergebracht werden können. Jede Grabkammer wird mit einer 1×1 m großen Granitplatte verschlossen, diese kann individuell durch einen Steinmetz beschriftet und verziert werden. Der Grabpflegeaufwand ist bei dieser Beisetzungsart sehr gering. Durch eine Art Granit-Blumenbank unterhalb jeder Grabkammer besteht aber die Möglichkeit, Blumen oder Erinnerungsstücke zum Gedenken der Verstorbenen aufzustellen.

Plastikblumen zwischen Erinnerungskultur und Umweltverantwortung

Gerade an diesen Ablageflächen wird ein weiteres Spannungsfeld nachhaltiger Bestattungskultur sichtbar. Neben frischen Blumen und persönlichen Erinnerungsstücken werden häufig auch Blumengebinde aus Kunststoff niedergelegt. Für viele Angehörige symbolisieren sie Dauerhaftigkeit, Beständigkeit und eine kontinuierliche sichtbare Präsenz – insbesondere dann, wenn regelmäßige Pflege aus räumlichen oder zeitlichen Gründen nicht möglich ist. Gleichzeitig sind solche Produkte aus ökologischer Perspektive problematisch: Sie bestehen in der Regel aus nicht biologisch abbaubaren Kunststoffen, verwittern über Jahre und können Mikroplastik in Boden und Umgebung freisetzen.

Hier zeigt sich exemplarisch, dass Nachhaltigkeit im Bestattungswesen nicht eindimensional gedacht werden kann. Emotionale Bedürfnisse, kulturelle Vorstellungen von Würde und Dauer sowie ökologische Verantwortung stehen mitunter in Spannung zueinander. Eine nachhaltige Entwicklung bedeutet daher nicht, individuelle Trauerpraktiken pauschal zu bewerten, sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, die umweltverträgliche Alternativen fördern und zugleich die kulturelle Bedeutung von Ritualen respektieren.

Offenheit der Beisetzungsform

Der Bau der oberirdischen Grabkammern wurde zwar von der italienischen Community angestoßen, sie sind aber nicht allein für diese reserviert. Jede und jeder, unabhängig von Glauben oder Herkunft kann eine solche Grabkammer als Ruhestätte erwerben. Beliebt ist diese in Deutschland noch einzigartige, mediterrane Beisetzungsart aber z. B. auch bei der Community der Sinti und Roma.

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