Bestatterfamilie Kentrup
Foto: Marc Bremer

Pionierarbeit ohne Heiligenschein

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Eine kritische Würdigung der Grünen Linie

Ob beim SWR-Ökocheck, der eternity oder jüngst in der Sonderbeilage der bestattungskultur zum Thema „Was bleibt?“ – wer sich über Nachhaltigkeit in der deutschen Bestattungsbranche informiert, kommt an ihnen kaum vorbei: dem Bonner Bestatterehepaar Werner Kentrup und Editha Kentrup-Bentzien und ihrer Grünen Linie. In einer Branche, die nicht im Verdacht steht, ökologische Debatten anzuführen, sind sie zu einer Art grünem Gewissen der Branche geworden.

Die Kentrups haben früh verstanden, dass eine Branche auch dadurch verändert wird, dass jemand ihre Gepflogenheiten öffentlich in Frage stellt. Dabei haben sie Nachhaltigkeit in der Bestattungskultur nicht erfunden. Sie waren auch nicht die Ersten, die 2016 darüber nachdachten. Manch andere Bestatter und Hersteller hatten bereits begonnen, über Materialien, Grabpflege oder regionale Lieferketten nachzudenken. Die Kentrups haben diese Fäden aufgenommen, zusammengeführt und aus vielen einzelnen Gewerken ein Netzwerk mit heute über 100 Partnerbetrieben und Herstellern geknüpft, das das Thema aus der Nische in die Fachöffentlichkeit trug. Seit beinahe einer Dekade fragen sie hartnäckig nach und versuchen die Branche aufzurütteln.1

„Unternehmer statt Unterlasser“ steht auf Werners LinkedIn-Profil. Er ist Schreiner, seit 25 Jahren Bestattermeister, und mittlerweile so etwas wie ein Influencer der nachhaltigen Bestattungskultur. Einer, der über die Sozialen Medien nicht nur betriebliche Neuigkeiten streut, sondern vor allem ‚Branchenpädagogik‘ betreibt: Warum gibt es noch immer Polyestergarnituren auf Bestattungsmessen? Weshalb ist der örtliche Friedhof oft einem Bestattungswald vorzuziehen?

Der Anfangspunkt

Am Anfang der Grünen Linie stand Skepsis. 2016 galten die privatwirtschaftlich stark beworbenen Wald- und Baumbestattungen vielen als Inbegriff des naturnahen Abschieds. Die Kentrups aber besahen sich diese näher und fragten, welche ökologischen Versprechen einer Prüfung standhalten. Dabei kamen sie etwa zur Überlegung, wie sich die für Urnenbeisetzungen wiederholten Bohrungen in den Wurzelräumen auf gesunde Bäume auswirken. Gravierender als diese Eingriffe erschienen ihnen jedoch die mitunter langen Anfahrtswege, die manche Interessent:innen und ihre Angehörigen auf sich nehmen würden, um in einem Bestattungswald beigesetzt zu werden. Dass dies auch auf dem örtlichen Friedhof möglich sei und starke Naturbilder nicht mit einer guten ökologischen Bilanz gleichzusetzen sind, führte dann zum kritischen Blick auf die eigene Praxis. Zu dieser Zeit fand man in ihrem Ausstellungsraum noch lackierte, schwere Mahagonisärge. Nach einer intensiven Recherchephase waren sie die ersten Produkte, von denen sich die Kentrups verabschiedeten. Sämtliche Materialien und Einzelaspekte von Bestattungen wurden einem Umweltfreundlichkeits-Check unterzogen. Das dabei gesammelte Wissen und die geknüpften Kontakte wollten sie über Bonn hinaus zugänglich machen – die Grüne Linie war geboren.

Kein Hardcore-Grüner“

Dabei beschrieb Werner Kentrup sich mir gegenüber nicht als „Hardcore-Grüner“. Eher verbindet er ökologische Verantwortung mit „einem gesunden Menschenverstand”. Verstorbene sollten, so sein Gedanke, möglichst ohne problematische Materialien wieder zur „Mutter Erde“ kommen können. Nachhaltiges Bestatten ist bei ihm das konsequente Weiterdenken seines Berufsethos als Bestatter, für die ihm anvertrauten Verstorbenen, ihre Angehörigen und die Umwelt Verantwortung zu übernehmen. Wenn ein Bestattungshaus aktiv Produkte auswählt, Herstellerbetriebe sucht und dadurch Einfluss auf Särge, Innenausstattung und Wegstrecken nehmen kann, sollte es diesen Einfluss auch gewissenhaft nutzen. Aus diesen Überlegungen erwuchs die Anlage als ein bundesweites Netzwerk für Bestatter:innen und Lieferanten zur Bündelung nachhaltiger Bezugs- und Einkaufsstrukturen.

Anfangs wurden sie von Kolleg:innen noch belächelt, so Werner, doch die äußere Anerkennung folgte früh: 2017 wurde die Grüne Linie mit dem European Funeral Innovation Award ausgezeichnet. 2019 erhielt sie einen Sonderpreis im Wettbewerb „Die Lieferkette lebt“ des Bundesumweltministeriums und des NABU. Diese Auszeichnungen werden auch auf der Homepage stolz als Motivation präsentiert, immer weiter zu feilen. Aber was wurde eigentlich prämiert?

Die Kunst der Stellschrauben: Von Holzspänen bis Kaffeetrinken

Ein Bild, das Werner gern für seinen Ansatz verwendet, ist das der Stellschrauben. Auf der Rubrik „Wie geht das?“ der Homepage kann man sich für jeden Schritt der Bestattungsplanung die ökologischen Grundsätze besehen: von Särgen aus regionalem Holz über biologisch abbaubare Sargausstattungen und regionale Grabsteine bis zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen beim ‚Kaffeetrinken‘. Er wird ferner nicht müde, auf den Wert des örtlichen Friedhofs hinzuweisen, der – anders als Bestattungswälder – öffentliche Infrastrukturen bereithält.2 Diesen Bemühungen, Handlungsmöglichkeiten für Naturschutz und Biodiversität auf Produkte und Beschaffungswege der Bestattungskultur zu übertragen, wurde in der Laudatio des Preises „Die Lieferkette lebt“ Vorbildcharakter für die Branche bescheinigt.3

Die Kernaussage hinter all dem: Man muss das Rad nicht neu erfinden. Manchmal genügt auch ein Hinweis darauf, welche kleinen Änderungen durch Globalisierung, Beschleunigung und Bequemlichkeit vielleicht aus dem Blick geraten. Dieser hemdsärmelige Pragmatismus ist erfrischend, denn Nachhaltigkeit im Bestattungswesen bleibt ein komplexes Feld aus zahlreichen Verstrickungen, Gewerken, rechtlichen Vorgaben und dem Hinterfragen eingespielter Routinen. Durch die Übersetzung dieser Komplexität in zunächst handhabbare Lösungsstrategien zeigt die Grüne Linie auf, wo man anfangen kann, ohne vor der Größe der Aufgabe zu erstarren. 

Seine Bodenhaftung zeigt sich auch wirtschaftlich. Mit Verweis auf sein Bestattungsunternehmen betont er, dass Betriebe trotz Ausrichtung nach ökologischen Standards grüne Zahlen schreiben können. Auch dafür setzt er sich durch die Kooperationen und Handelsverbindungen ein.

Durch seine mittlerweile gewonnene Autorität kann er bisweilen auch etwas größere Stellschrauben angreifen, wenn er etwa Hersteller von Sargwäsche auf neues Deckenfüllmaterial aufmerksam macht oder Urnen-Startups bei der Erarbeitung eines neuen Verpackungskonzepts ohne Plastik unterstützt.4

Grüne Linie, klare Kante?

Wo „grün“ steht, ist noch nicht automatisch „grün“ drin. Dieser Satz könnte von Werner Kentrup selbst stammen, so oft hat er Umweltversprechen anderer Anbieter gegen den Strich gebürstet. Gerade und besonders deshalb muss sich auch die Grüne Linie fragen lassen, wie sie ihren Anspruch in den Partnerbetrieben absichern und Greenwashing vermeiden kann. Er und Editha wählen selbst aus, wer zu ihrem Partnernetzwerk beitreten darf, und kennen ihre Partner:innen alle persönlich. Diese Nähe, der enge Austausch und die gemeinsame Überzeugung als inhabergeführte Wertegemeinschaft haben die Grüne Linie weit getragen. Doch je größer das Netzwerk wird, desto schwerer lässt sich diese Glaubwürdigkeit durchsetzen, und desto dringlicher wird die Frage, wie die tatsächliche Umsetzung in der Praxis aussieht.

Werner ist bewusst, dass dies die offene Flanke im Konzept ist, denn das Label der Grünen Linie ist kein unabhängiges Zertifikat. Für die „echte Partnerschaft für Austausch auf Augenhöhe und mit einer klaren Haltung“5 legen die Partnerbetriebe eine Selbstverpflichtung vor und damit ein Versprechen, nach den geteilten Kriterien zu beraten und zu produzieren. Stärke und Schwäche liegen gewissermaßen im selben Punkt: im gegenseitigen Vertrauen und in der Handwerkerehre.

Zugleich steht er als Geschäftsmann mitten in der Branche. Er muss Partner:innen bei Laune halten, Lieferant:innen ansprechen, selbst Geld verdienen. Bei aller Offenheit und Authentizität, die an ihm geschätzt wird, braucht es dabei auch unternehmerische Diplomatie.

Wohin führt die Linie?

Öffnet man den Internetauftritt der Grünen Linie, zeigt sich der Slogan „Gut für unsere Enkel“. Für Kentrup gehört dazu einmal die Ausbildung der nächsten Generation, aber auch die Unternehmensnachfolge. Mit seiner Tochter Eva steht die vierte Generation des Familienunternehmens bereit.

Lange organisierten die Kentrups die Grüne Linie neben ihrem Hauptberuf im eigenen Bestattungsinstitut. Werner sprach über dieses Projekt liebevoll: „Klar, das ist unser Baby“. Mit der Ausgründung als GmbH, der stärkeren Eigenständigkeit von Hebenstreit & Kentrup und starken Begriffen wie „Ökologisches Engagement, Ökonomische Stärke und Soziale Kompetenz“6 als den tragenden Pfeilern wurde der Selbstanspruch und Auftritt der Grünen Linie ausgebaut. Das „Baby“ ist erwachsener geworden.

Gleichzeitig wächst auch das Konzept weiter, denn Werners Lernprozess ist nicht abgeschlossen. Schon in unserem Gespräch 2022 berichtete er von Experimenten im heimischen Garten, bei denen er mit Lehrlingen die Abbaubarkeit von Sargfolien testete. Auf dem eigenen Grundstück hatte er Urnen vergraben, um zu prüfen, was von den als verrottbar beworbenen Materialien nach einem Jahr tatsächlich bleibt.7 An der wissenschaftlichen Sinnhaftigkeit mag man zweifeln, es ist keine Laborstudie, gewiss. Ob Gartengrabungen oder Anregungen an Herstellerbetriebe, Werner verlässt sich nicht gern auf Prospekte. Und er möchte optimieren. Man müsse immer umdenken und bisweilen vielleicht zugeben: „Okay, da haben wir noch nicht drüber nachgedacht.“ Ob daraus auch einmal belastbarere Standards für das gesamte Netzwerk erwachsen?

Werner und Editha Kentrup haben kein perfekt geschnürtes Bestattungspaket in die Branche getragen. Initiativen wie die Grüne Linie entstehen selten aus dem Nichts und singulär; sie sind für ihr Gelingen auf ein bestimmtes gesellschaftliches Klima angewiesen. Ein Vergleich mit Thomas Edisons ‚Erfindung‘ der Glühbirne erhellt dies: es zählt neben der zündenden Idee auch, dass jemand den Scheinwerfer auf Innovationen richtet und sie zur richtigen Zeit in Umlauf bringt. Eine bundesweite Aeternitas-Umfrage aus dem Jahr der Gründung zeigte: Bereits 2016 hielten 54 Prozent der Befragten Ökologie und Nachhaltigkeit bei der Bestattung für eher oder sehr wichtig.

Dass es 2022 60 Prozent sind, ist nicht allein der Grünen Linie zuzuschreiben – die Leistung der Kentrups besteht aber darin, dass sie früh angefangen haben, die richtigen Fragen laut zu stellen. Und sie haben viele andere dazu gebracht, kritisch mitzufragen.  


  1. Für meine Masterarbeit wurde Werner Kentrup einer meiner ersten Interviewpartner. Viele seiner Aussagen aus dem Jahr 2023 fanden als Zitat Eingang in meine Ausführungen und flossen auch in diesen Artikel ein. Die Würdigung entsteht aus einer forschenden Nähe, die unterscheiden möchte zwischen persönlicher Anerkennung und fachlicher Einordnung. ↩︎
  2. https://gruene-linie.net/oekologisches-engagement/#wie-geht-das ↩︎
  3. https://www.nabu.de/news/2018/08/25023.html ↩︎
  4. https://eternitydasmagazin.de/eternity_30_2512/#flipbook-df_898/3/ , S. 22 ↩︎
  5. https://gruene-linie.net ↩︎
  6. Ebd. ↩︎
  7. https://eternitydasmagazin.de/eternity_30_2512/#flipbook-df_898/3/ , S. 26 ↩︎

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