Nachhaltigkeit wird oft in drei klassischen Dimensionen betrachtet: ökologisch – sozial – ökonomisch. Die ökologische Dimension ist die (Lebens-)Grundlage für die Gesellschaft und deren soziale Verbindungen sind Ausgangspunkt für ökonomische Entwicklungen. Beim Thema Bestattung müssen wir noch eine vierte Dimension in den Blick nehmen, und diese hat besonderes Gewicht: Die kulturell-psychologische Dimension.
Alle diese Aspekte sind verbunden und beeinflussen sich. Sie können kaum unabhängig voneinander gesehen werden und müssen eigentlich immer zusammen gedacht werden. Insofern nehmen wirtschaftliche und politische Betrachtungen immer ein größeres Bild in den Blick. Sie sollen hier einmal separat beleuchtet werden, um die thematische Breite der Herausforderungen für die Bestattungsbranche aufzuzeigen.

Ökologische Dimension
- CO2-Emissionen (Transporte, Herstellungsprozesse)
- Energiebedarf
- Umweltgifte
- Flächennutzung
- Abbaubare, erneuerbare Materialien
- Schutz von Ökosystemen
- Abfallmanagement
CO2-Emissionen entstehen durch Transporte, Herstellungsprozesse und bei Verfahren wie der Feuerbestattung. Eine Reduktion des Treibhausgases ist Gegenstand vieler Bemühungen in der Bestattungsbranche. Der Umstellungsprozess ist aufwändig – von der Elektrifizierung der Überführungswagen bis zur Umrüstung von Krematorien.
Produkte, Dienstleistungen und Handlungsweisen müssen darauf ausgerichtet werden, dass sie bestenfalls mit einem geringeren Energiebedarf in großen Mengen produzier- und anwendbar sind ohne Schaden anzurichten, ohne Müllberge weiter anwachsen zu lassen, ohne Folgeprobleme durch Giftstoffe zu verursachen.
Abfallmanagement und Abfallvermeidung sind wichtige Handlungsfelder: Verpackungen, Folien, Einwegartikel, Grabschmuck und Pflanztöpfe – vieles besteht aus Plastik, Styropor und Verbundstoffen, die kaum mehr getrennt und recycelt werden können. All das landet letztlich im Müll.
Mit einer Veränderung der Friedhofsästhetik durch naturnahe Grabgestaltung mit einheimischen Blühpflanzen, die Wiederbelebung von ermüdeten Friedhofsböden und die Schaffung von Gemeinschaftsgrabbereichen, die als blühende Wildwiesen gestaltet werden, können Friedhöfe eine enorme Wirksamkeit hinsichtlich des Schutzes von Ökosystemen erreichen. Nicht zuletzt stellen Friedhöfe in vielen Städten einen parkähnlichen Grünraum dar, der auch der Naherholung, der Verbesserung des Stadtklimas sowie als weitgehend ruhiger Lebensraum für viele Tiere dient, der vor allem nachts nicht beleuchtet ist.
Ökonomische Dimension
- Geschäftsmodelle im Sinne einer Kreislaufwirtschaft
- Skalierbarkeit
- Lieferketten
- Fairer Handel
- Kosten
- Reinvestition
- Bedarfsorientierung
Wie in anderen Branchen haben auch in der Bestattung aufgrund von Preisdruck und Gewinnoptimierung globale Lieferketten und Konzernbildung Einzug gehalten. Damit einher gehen Intransparenz bezüglich verwendeter Materialien und Herstellungsprozesse, unfaire Arbeitsbedingungen und weltweite Transporte. Solche ökonomischen Rahmenbedingungen verhindern dringend notwendige Verhaltensänderungen und befeuern Zeitdruck, Kostendruck, Anonymisierung und Automatisierung.
Ein Reflex auf die Forderung nach nachhaltigen Produkten und Verfahren ist Greenwashing – irreführende oder nicht nachvollziehbare Darstellung eines Angebotes als „umweltfreundlich“. Das ist in der Bestattungsindustrie leider nicht anders. Verbraucher:innen können nur sehr schwer oder unverhältnismäßig aufwändig prüfen, ob ein Produkt wirklich umweltfreundlich ist. Gerade in diesem sensiblen Bereich müssen Endkund:innen vertrauen können und die Bestattungsbedarfsindustrie hat eine besondere Verantwortung. Investition in die Entwicklung von Materialien und Produkten, sowie die Veränderung von Abläufen und Verfahren ist eine der wichtigsten Steuerungsmöglichkeiten für Unternehmen, sich zukunftsfähig aufzustellen.
Friedhöfe müssen – anders als Aktienunternehmen – nicht jährlich höhere Gewinne erbringen, denn sie gehören wie Krankenhäuser oder Feuerwehr in den Bereich der Daseinsvorsorge. Aber sie können mit guten Konzepten zumindest kostendeckend bewirtschaftet werden, damit sie langfristig ihre Funktionen erfüllen und entwicklungsfähig bleiben. Auch das gehört zu einem ökonomisch nachhaltigen Denken und Handeln.
Soziale Dimension
- Gesetzgebung
- Bildung und Wissen
- Sozialer Zusammenhalt
- Arbeitsbedingungen
- Soziale Teilhabe
- Integration und Inklusion
- Preise
- Demografie
- Gemeinwohlorientierung
In Bestattungsgesetzen werden die Grundlagen der Bestattungskultur festgelegt. Es dauert lange, bis solche Gesetze geändert werden, weil hier größtmöglicher gesellschaftlicher Konsens hergestellt werden muss. Voraussetzung dafür sind gesellschaftliche Veränderungen, die so gravierend und evident sind, dass eine Abbildung in Gesetzen nötig wird.
Über die Arbeitsbedingungen im Bestattungswesen wird selten gesprochen und doch sind sie essenziell wichtig: Arbeitszeiten, Entlohnung, Räumlichkeiten, Hygieneanforderungen, Bereitschafts- und Nachtdienste, schwere körperliche Arbeit. Und doch gibt es kaum Supervision und selten psychologische Unterstützung für die Menschen, die sich tagtäglich nicht nur um „unversehrte“ an Altersschwäche Verstorbene kümmern, sondern auch um Menschen, die verunfallt, durch Gewalt, schwere Krankheit oder Suizid gestorben sind oder um Menschen, die sozial isoliert und verwahrlost gestorben sind und erst spät aufgefunden werden. All das verlangt viel Kraft, um psychisch stabil zu bleiben und längerfristig ethisch handeln zu können. Wer gleichzeitig mit trauernden Angehörigen zu tun hat, muss sozial erreichbar und empathisch bleiben.
Ein weiteres Thema aus dieser Dimension sind die Kosten für eine Bestattung. Diese sind in den letzten 20 Jahren stark gestiegen und durch den Wegfall des Sterbegeldes, das Krankenkassen bis 2004 noch zahlten, können sich viele Menschen keine angemessene Bestattung mehr leisten. Diese Situation ist der Rahmen für Angebote, die auf das absolute Minimum „billig bestatten“ reduzieren, und die Idee „ich will meinen Angehörigen keine Mühe machen“ ins Individuum transportieren. Den allerletzten Lebensabschnitt als überflüssige Mühe umzudeuten, eliminiert Abschieds- und Trauerkultur, entwürdigt Sterbende und Tote als teures „Entsorgungsproblem“ und schließt sie letztlich aus der Gemeinschaft aus. Den Lebenden macht es umso mehr Unbehagen und Angst, weil sie und ihre Liebsten selbst eines Tages „dran sind“.
Kulturell-psychologische Dimension
- Sinn und Resilienz
- Würde
- Abschiedsgestaltung
- Trauer und Trost
- Ästhetik
- Erinnerungsort
- Rituale
- Gesellschaftlicher Diskurs
- Veränderungspotenzial
Spezialistentum auf der professionellen Seite und Wissensarmut in weiten Teilen der Bevölkerung auf der anderen Seite zählen zu den nicht ganz so offensichtlichen, aber einflussreichen Bereichen der Nachhaltigkeit. Wenig oder nichts über das Lebensende zu wissen, mündet in der schmerzhaften Unfähigkeit, über den Tod sprechen oder selbstwirksam handeln zu können, um Vorsorge, Abschied sowie Trauer bewusst und verständnisvoll zu gestalten.
Abschiedsrituale selbst anzuwenden und an die individuelle Lebenssituation anzupassen, um nach einem Verlust wieder handlungsfähig zu werden, ist eine uralte Kulturpraxis der Menschheit. In der Abschiedsgestaltung steckt die Möglichkeit, Sinn zu erfahren, weiterleben zu können, Gemeinschaft zu erleben, sich verbunden zu fühlen.
Denn der Verlust von Sinn, Handlungsfähigkeit und Gemeinschaft geht einher mit der Erosion von Würde, ethischen Handlungsrahmen, Vertrauen und Solidarität. Das sind die menschlichen Werte, die gerade in dem Akt der Verabschiedung eines verstorbenen Menschen unmittelbar erleb- und fühlbar werden. Der Tod ist der eine Zeitpunkt im individuellen Leben wie auch im gemeinschaftlichen Leben, an dem sich wie unter einem Vergrößerungsglas die ethische Ausrichtung einer ganzen Gesellschaft zeigt: Was wir unter würdevollem Umgang miteinander verstehen, wie wir uns an unsere Vorfahren erinnern, was wir als sinnvoll und tröstlich erleben und wie wir uns in der Welt einordnen, was uns wichtig ist und was uns als Menschen – als Kulturwesen – ausmacht.
Jede Entscheidung zugunsten des Planeten – unseres Lebensraumes – zählt
Veränderungen sind oft mit Unsicherheit und Angst verbunden, deshalb müssen wir alle als Gesellschaft über die Möglichkeiten des Wandels nachdenken und umsetzbare Möglichkeiten schaffen, die Nachhaltigkeit und ein Verständnis für die Eingebundenheit in unsere Lebensräume fördern.
Handlungsoptionen finden sich hier.









