Zeitgenössische Abschiedsblumen
Es sind die Blumen, die unsere Lebenswege begleiten, uns zart an den Rhythmus und die natürlichen Kreisläufe erinnern, die uns Trost spenden, wenn Worte versiegen. Was natürlich und naturnah klingt, ist leider oft nicht die Realität, wenn es um die “Trauerfloristik” geht.
Ein Blick in die aktuelle Trauerfloristik
Nicht-abbaubare Steckmasse und Unterlagen aus Einmalplastik als Grundlage für Kränze und Sargbouquets, die später auf dem Grünabfall oder Kompost landen, sowie Heißkleber und chemisch gebleichte, gefärbte und präservierte Trockenblumen sind neben den international importierten und mit chemischen Spritzmitteln behafteten Schnittblumen in der floralen Gestaltung Alltag. Rosen im Februar, Maiglöckchen im Juli, Tulpen und Anemonen zu Weihnachten. In der Bestattungskultur wird oft nicht hinterfragt, woher die Blumen eigentlich stammen, oder ob die Techniken, mit denen sie verarbeitet werden, nachhaltig sind. Es wird davon ausgegangen, da es sich ja bei Blumen um “Natur” handelt.
Mit einem jährlichen Umsatz von 3 Milliarden Euro ist die deutsche Blumenindustrie schlichtweg eine der größten in Europa. Kein Wunder, denn fast alle Blumen, die an jedem Tag des Jahres erhältlich sind und von Blumengeschäften und Floristen in Deutschland verarbeitet werden, sind importiert: Einige stammen aus Nachbarländern wie Holland. Andere kommen direkt oder indirekt (über Holland) aus Kolumbien, Israel, Kenia, der Türkei, Ecuador und weiteren Ländern. Viele bekannte Gesichter sind darunter: Rosen, Gerbera, Hyazinthen, Clematis, verschiedene Grünpflanzen, Tulpen, Anemonen und die so oft geliebten Pfingstrosen. Bis zu 186.674,6 Tonnen stammen aus den Niederlanden, die wiederum aus den oben genannten Ländern importieren, mit ihnen handeln und die Ware als saisonale Blumen vertreiben, um in dem Blumenladen des Vertrauens als frisch, nachhaltig und umweltfreundlich verkauft zu werden. Im Jahr 2024 waren das 210,9 Millionen importierte Schnittblumen. 86% davon wurden über die Niederlande gehandelt.1 “Naturhafte” Blumenbinderei bekommt dadurch eine andere Färbung.
Wie die zeitgenössischen Verabschiedungen, können allerdings die florale Begleitung und vor allem auch die Gestaltungsmöglichkeiten von Abschiedsblumen neu gedacht werden: Nachhaltig, saisonal und regional – genau hier setzt die Slowflowerbewegung an.
Langsam wächst ein ganzheitlicher Ansatz
Entstanden im Jahr 2019, umfasst sie nun über vierhundert Mitglieder im ganz deutschsprachigen Raum, die sich für ökologischen, saisonalen und umweltbewussten Schnittblumenanbau sowie zeitgenössische Blumenbinderei und nachhaltige Floristik einsetzen.

Zelebriert werden hier die Kreisläufe des Jahres mit all dem Leben und der Vergänglichkeit, die uns die Natur in sich selbst spiegelt. Bewegte Stielformen und besondere Blumenarten, die nur für wenige Tage im Jahr verfügbar sind, bis hin zu den naturhaften Verfärbungen von Blättern, den von Insekten angefressenen Werkstoffen und den besonderen Frucht- und Samenständen, werden von der Slowflowerbewegung als kostbar gehandhabt. Die Vielfalt der Werkstoffe (also alle pflanzlichen Materialien, die in der Blumenbinderei verwendet werden) machen Slowflowers aus.
Naturhafte Blumenbinderei
Auf landwirtschaftlichen Flächen und in Gärten wachsen so ganz besondere Blumen, die oft im Handel gar nicht verfügbar sind, weil sie vom Ertrag her nicht geeignet wären, sie komplizierter im Anbau sind oder die kürzeren Blühzeiten für die Floristik irrelevant sind. Dazu kommt auch die Erwartung perfekter Blüten und möglichst langer Stile, die viele Blumenarten außen vorlassen. Es ist allerdings genau diese Vielfalt und die Vergänglichkeit, die sich in den Stauden und Gehölzen, den Geophyten sowie Ein-/Zweijährigen finden, die aus dem saisonalen, regionalen Anbau stammen.
Naturnah zu arbeiten, beginnt mit dem Anbau, dem Umsorgen der Böden, der ökologischen Systeme und endet in der Blumenbinderei und dem Handwerk der Floristik: Von Moos, zu Draht, zu gewundenen und gebundenen Kränzen aus Ranken, Hölzern, zu Glasviolen oder traditionellen Kenzan (Steckigel aus Metall, die aus der Tradition des japanischen Ikebana stammen) – den Techniken wird hier freier Lauf gelassen. Mit geschwungenen und luftigen Blumen entsteht auch so eine andere Art der Gestaltung: Wilder, naturhafter, ohne dennoch die Eleganz der Blumen zu verlieren.

Eine neue Ästhetik in der Trauerfloristik
Viele Mitglieder aus der Bewegung bieten ihre Blumen und Gestaltungen als Weg an, um nachhaltige Verabschiedungen zu begleiten. Manche gestalten gemeinsam mit den Trauenden die Urnen oder den Sargschmuck, andere gestalten die gesamten Zeremonien mit floralen Installationen oder auch Grabbepflanzungen.
Wie genau diese Gestaltungen aussehen können, zeigen gerade die vielen Blumenfarmer*innen und Florist*innen der Slowflowerbewegung in Kooperation mit den Papierurnenherstellerinnen von “Urnfold”: Hierbei zeigt jeden Monat ein Mitglied eine Herangehensweise an zeitgenössische Gestaltung. Denn anders als bei Hochzeitsfloristik, finden sich für alternative Abschiedsblumen kaum visuelle Referenzen und Beispiele. Diese naturhaften und zeitgenössischen Gestaltungen werden jeden letzten Freitag auf dem Instagram-Account der Bewegung geteilt.
Durch das Zelebrieren der Vergänglichkeit und das Schätzen aller Kreisläufe und Aspekte der Natur in den jeweiligen Gestaltungen, wird die Fülle des Lebens und somit auch der Verabschiedung bewusst. In diesem Raum finden die Trauer und der Trost ihren Platz. Ganzheitlichkeit rückt in den Fokus – auf allen Ebenen, in allen Prozessen und von vornherein mitbedacht.
Genauso vielfältig wie die Menschen, die wir verabschieden, dürfen auch die Blumen sein, um die Leben zu feiern, die wir mit unseren Liebsten teilen durften, aber vor allem auch um zu trösten, um Halt zu geben und um eine besondere Erinnerung zu schaffen. Blumen werden so zu Poesie.










