Himmelblaue Wellen durchziehen einen Stein mit dem klangvollen Namen “Azul do Macaubas” und ich denke unwillkürlich an einen Sommertag am Meer. Passend dazu steht daneben ein goldgelber schlanker Sandstein. Eine dunkelgrüne Granitstele wirkt wie ein Blick in einen Tannenwald. Leuchtend backstein-rote, breitschultrige Steinformen sind auf Hochglanz poliert und vervollständigen die Farbpalette.
Bunt wie das Leben ist die Auswahl bei Steinmetz Marc Behncke in Hamburg, mit dem ich über Nachhaltigkeit in der Grabsteinherstellung sprechen will.
Grabsteine und Nachhaltigkeit
Der nachhaltigste Stein – das nimmt er gleich vorweg – ist ein Stein, der in Deutschland gebrochen und verarbeitet wird. Deutsche Steinbrüche haben hohe Auflagen, die Arbeitsbedingungen und der Arbeitsschutz sind klar geregelt, die Abbaumengen reguliert. Zudem sind die Transportwege kurz und handwerkliche Qualität ist garantiert. Importsteine haben aber in den letzten 60 Jahren eine starke Änderung unserer Sehgewohnheiten bewirkt, sodass regionale Steine oft als unattraktiv empfunden werden. Zum Beispiel ist Fichtelgebirgsgranit nicht so farbenfroh, sondern grau und Sandstein ist anfällig für Umwelteinflüsse. Seine Weichheit und Porosität ist eine Einladung für Moose und Flechten. Sandstein ist geradezu ein Sinnbild für Vergänglichkeit, für das Wiedereinswerden mit den Elementen. Entweder akzeptiert man diesen unaufhaltsamen Veränderungsprozess oder hin und wieder ist ein Reinigungstermin fällig. Zuverlässige Informationen über die Materialien sollte man am besten bei einem Steinmetz vor Ort erfragen.
Auch Feldsteine und Findlinge sind nachhaltig, sie sind mit der letzten Eiszeit CO2-neutral hierher gerutscht. Allerdings ist es nicht so leicht wie gedacht, diese individuell zu gestalten. Die Tücken liegen im Detail. Von außen nicht sichtbare Brüche oder Stiche können zum Problem werden, wenn solche Steine beschriftet werden sollen. Und: nicht jeder Friedhof erlaubt einen solchen Stein, weil er nicht der gewohnten deutschen Friedhofsoptik entspricht.
Globalisierter Handel, steinige Weltreise all inclusive
Während der Sandstein aus der Nähe von Hannover und der Granit aus dem Fichtelgebirge die kürzesten Wege nach Hamburg haben, hat manch anderer Grabstein die Weltreise gemacht, von der Verstorbene nur träumten. Aus Brasilien, Afrika und Indien kommen die Steine mit den beeindruckendsten Farben, aber auch mit den unangenehmsten Wahrheiten bezüglich der Vor-Ort-Arbeitsbedingungen und CO2-intensiven Transporte. Auch Kinderarbeit in Steinbrüchen ist in manchen Ländern immer noch an der Tagesordnung.1 Für einen Grabstein braucht man schweres Gerät, das könne ein Kind nicht bedienen, erklärt mir Marc. Aber es ist nicht auszuschließen, dass Kinder am Rande der Brüche zum Beispiel kleine Trittsteine, Raseneinfassungen oder Schotter herstellen. Das sind dann die Steine, die günstig in Baumärkten zu haben sind.
Weltweiter Handel ist nur ein Aspekt der steinigen Weltreisen. Globalisierung durch billige Arbeitskraft am anderen Ende der Welt ist eine weitere Facette. In Schweden gebrochene Steine werden per Schiff nach China transportiert und dort in Form gebracht, dann schippern sie zurück nach Mitteleuropa. Die Steine sind trotz dieser Transportwege mitsamt der Arbeitsleistung in China billiger, als wenn sie hierzulande bearbeitet worden wären. In Deutschland werden nur noch Name und Daten, vielleicht ein Spruch eingefräst – ein kleiner Teil von dem, was den Steinmetzberuf ausmacht.

Mehr als nur ein Stein – ein Anlass, über den Tod nachzudenken
Marc Behncke hat von der Pike auf alles gelernt, was ein Steinmetz können muss – Küchenarbeitsplatten, Fassaden, Treppen, Kamineinfassungen – und hat sich doch auf Grabsteine spezialisiert. Gemeinsam mit seiner Frau Alexandra Behncke führt er einen besonderen Steinmetzbetrieb. Denn hier geht es um mehr als Steine – hier geht es um einen bewussten, zugewandten und sensiblen Umgang mit dem Tod und vor allem mit Trauer.
Viel zu oft wird der Abschied und alles drum herum unter einem gewissen Zeitdruck organisiert. Während die Bestattung aus biologischen Gründen nachvollziehbar in einem bestimmten Zeitraum stattfinden muss, könnte man sich für den Grabstein jedoch durchaus Zeit nehmen.
Alexandra Behncke hat unzählige Gespräche mit Trauernden geführt. Sie sagt bewusst nicht „Verkaufsgespräche“. Wenn Zugehörige in akuter Trauer sind, können sie sich oft schwer entscheiden. Sei es, weil der Tod sehr plötzlich kam, sei es, weil sie nie mit ihren Verstorbenen zu deren Lebzeiten darüber gesprochen haben, oder weil sie sich überhaupt noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Alexandra gibt den Trauernden Zeit. Der Stein läuft nicht weg, sagt sie, der wartet auf den Tag, an dem wieder mehr Klarheit gekommen ist.
Nicht selten saßen schon Angehörige bei ihr und waren unglücklich mit einem Stein aus dem Katalog, den das Bestattungshaus vorgelegt hatte mit der Aufforderung, am besten sofort alles aus einer Hand zu regeln. Trauer ist aber keine Angelegenheit, die einfach zu regeln ist. Verluste müssen langsam integriert werden. Steine aus dem Katalog, die dann anders aussehen als gedacht, tragen dazu nicht unbedingt bei. Ein Grabstein, den man bewusst auswählt und anfasst und für den man in Ruhe eine Inschrift überlegt – vielleicht auch schon vor dem Tod! – hat das Potenzial, Trauernden wirklich Halt zu geben. Denn Menschen ordnen Sinn zu, auch und gerade in der Trauer ist das ein wichtiges Mittel, um Selbstwirksamkeit zu erleben und den Verlust zu überstehen.
Nicht für die Ewigkeit: Welches Schicksal Grabsteine oft haben
Ein Grab auf einem Friedhof in Deutschland ist nicht für die Ewigkeit. Das Grabnutzungsrecht kauft man für ca. 20 – 30 Jahre. Nach Ablauf der Liegefrist werden Gräber neu belegt, es sei denn, man verlängert die Nutzung, wenn die Friedhofsordnung und die Grabart das zulassen. Familiengrabstellen zum Beispiel werden von den Familien immer wieder verlängert und dienen über mehrere Generationen hinweg als Ort des gemeinschaftlichen Abschiednehmens.
Wird die Grabnutzung am Ende der Liegefrist nicht verlängert, dann wird das Grab eingeebnet und „abgeräumt“. Das heißt, die Bepflanzung und der Grabstein werden entfernt. Der Grabstein gehört bis zum Ende der Liegefrist den Angehörigen. Sie können ihn zum Beispiel im eigenen Garten wieder aufstellen lassen oder einem Steinmetzbetrieb zur möglichen Wiederaufbereitung überlassen. Denkmalgeschützte Steine werden von den Friedhöfen gepflegt. „Herrenlose“ Grabsteine jedoch gehen nach Ablauf der Frist in den Besitz und die Verantwortlichkeit des Friedhofes über. Und das bedeutet in den meisten Fällen: Die Steine werden zerkleinert und als Schotter im Straßenbau verwendet.
Wiederaufarbeitung von Steinen – auch ein Zeichen von Wertschätzung
Die Verwendung im Straßenbau ist zwar pragmatisch, aber auch eine schmerzhafte Herabwürdigung der Arbeit von Steinbrechern, Spediteuren und Steinmetzen. Ein Stein, der zu einem Grabstein werden soll, wird sorgfältig aus dem Steinbruch geschnitten. Er darf keine Brüche oder Risse haben und muss groß genug sein. Er wird transportiert, in Form gebracht, geschliffen, von Hand weiterbearbeitet und beschriftet, sicher aufgestellt, bei Bedarf gereinigt und gepflegt und dient lange Zeit als haltgebender Gedenkort für Trauernde.
Manche Friedhöfe ermöglichen es Steinmetzen, aus den übrig gebliebenen Steinen solche auszusuchen, die wieder aufgearbeitet werden können. Bestimmte Voraussetzungen müssen sie erfüllen, denn Friedhöfe sind sehr streng bezüglich der Grabsteinsicherheit und -standfestigkeit. Die Steine müssen gut erhalten sein. Sie dürfen keine Risse haben und müssen dicker als 12 cm sein, damit die alte Schrift weggeschliffen und eine neue eingeschlagen werden kann. Zu dünne Steine könnten zerbrechen oder die Dübel, mit denen sie im Boden verankert werden, könnten bei Belastung herausbrechen und der Stein fiele um.

Neue Sehgewohnheiten und ein Fokus aufs Leben
Um besondere Steine oder Teile davon erhalten zu können, ist Kreativität gefragt. In Behnckes Freiluft-Ausstellung finden sich kleinere liegende Stein-„Kissen“ aber auch aufrechtstehende zusammengesetzte Steinpaarungen: Teile von schmaleren Platten umfasst von breiten Granitpfeilern. Den vertrauten monolithischen Grabmalen wird hier eine neue Gestaltung zur Seite gestellt. Der Steingarten eröffnet neue Sehgewohnheiten, hin und wieder einen leichteren Blick auf Vergänglichkeit durch außergewöhnliche Farb- und Materialkombinationen, Formen und Schmuckelemente. Dazwischen wachsen Gras und wilde Blumen, höher als der deutsche Vorgartenstandard erlaubt. Auch hier bieten die Behnckes vorsichtig eine etwas andere Optik an: Mehr blühendes und summendes Leben zwischen den steinernen Wächtern der abgelaufenen Zeit.
Die beiden haben nicht nur über den Tod viel nachgedacht, sondern auch über das Leben, die Lebensgrundlagen und die Zukunft. Sie haben ihren Betrieb zukunftsfit gemacht und auf „klimaneutral“ umgerüstet. Die Maschinen laufen mit Solarstrom, der auf dem Werkstattdach gesammelt wird. Mit einem Elektromobil werden die Steine leise und sauber zu ihren endgültigen Standorten auf den Friedhöfen transportiert. Und weil Steinbearbeitung eine Menge Wasser fürs Sägen und Schleifen und Beschriften braucht, steht nun ein Regenwassersammelbecken mit Filter neben der Werkstatt, damit kein wertvolles Trinkwasser verschwendet werden muss.
Ein Stein mit Bedeutung
Im Lager steht noch ein unvollendeter Stein, der vor Jahren in Auftrag gegeben wurde, aber dann doch nicht auf das Grab gestellt werden sollte, für das er bestellt worden war. Marc klopft mit den Fingerknöcheln an den schwarzen Granit und ein heller, klarer Ton erklingt. Das machen nur sehr harte Steine, lerne ich. Eine wunderschöne bildhauerische Arbeit im Stil des Art Nouveau hatte der Auftraggeber damals gewünscht. Fließende Stoffe umspielen eine trauernde Gestalt, zur Hälfte aus dem Stein gemeißelt, zur Hälfte im Stein verborgen.
Sie bekommt das Gesicht von Alexandra, sagt Marc leise. Als Grabsteinexperten haben er und seine Frau auch über das eigene Sterben nachgedacht, die eigenen Wünsche und Vorstellungen besprochen. Auch wenn es wehmütig stimmt, sich die Endlichkeit der gemeinsamen Zeit bewusst zu machen – es gibt der Gegenwart doch umso mehr Bedeutung und Freude am Leben.
Da wird mir klar, dass der Steinmetz den Stein als Grabmalmöglichkeit sowohl für sich als auch seine Frau denkt, je nachdem, wer von beiden zuerst den Schritt in die Ewigkeit gehen wird. Entweder wird ein trauerndes Ebenbild seiner Frau auf seinem Grab sitzen oder der Stein wird auf ihrem Grab stehen – als Erinnerung an die Frau, die ihm im Leben die Liebste ist.
Ein Grabstein ist nicht nur ein Denkmal für Verstorbene. Er ist auch Trauer, die in Stein gemeißelte Liebe ist.
- Ausführlich zur Situation von Kinderarbeit im Naturstein-Sektor sowie der unzureichenden gesetzlichen Regelung in Deutschland und vor allem auch mangelnde Kontrolle schreibt Charlotte Noack im Artikel „Wo bleibt die Verantwortung?“ In: Drunter + Drüber, Nr.15, 2022, S. 25-27. ↩︎










