großer Stapel Holzbretter
Foto von Alex Jones auf Unsplash

Das letzte Möbelstück

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Warum wir uns über Sargmaterialien Gedanken machen sollten.

In Deutschland besteht eine gesetzliche Sargpflicht. Das heißt, kein Leichnam darf ohne Sarg verbrannt oder beerdigt werden. Ausnahmen aus religiösen Gründen wurden in den letzten Jahrzehnten hart erkämpft. Die meisten Friedhofsverordnungen schreiben vor, dass ein Sarg aus Holz bestehen muss. Ein unbehandelter Vollholzsarg wird bei Erdbestattung in einem lebendigen Boden je nach Holzart in 5-20 Jahren langsam zersetzt.

Schaut man in die Ausstellungen vieler Bestattungshäuser oder in Sargkataloge, dann sieht man darin aber größtenteils Särge, die wie Möbelstücke dekoriert und ausgestattet sind: Mit Kunstharzen und Lackierungen auf Hochglanz gebracht, mit Messingbeschlägen und Plastikgriffen bestückt und mit Polyesterstoffen ausgekleidet. Da Holztruhen nie verlässlich wasserdicht sind, werden zudem aus Pietäts- und Sicherheitsgründen immer Plastikfolien hineingelegt, um das Auslaufen von Flüssigkeiten zu verhindern. All diese Materialien können aber im Erdboden überhaupt nicht zersetzt werden, müssen nach Ende der Ruhefrist ausgegraben werden und enden auf Mülldeponien oder in Verbrennungsanlagen. Beim Verbrennen im Krematorium hinterlassen sie ebenfalls giftige Rückstände, sowohl in der Asche als auch in den Abgasfiltern.

Holz – ein wertvoller und knapper werdender Rohstoff

Ein Baum, aus dem ein gerades, stabiles Brett geschnitten werden kann, muss lange wachsen: Eine Pappel ca. 40 Jahre, eine Kiefer ca. 80 Jahre und eine Eiche ca. 180 Jahre. Für jeden neu geborenen Menschen müsste also in Deutschland theoretisch ein Baum gepflanzt werden, er müsste ideal wachsen und es dürfte ihn keine Krankheit befallen. Deshalb müssten eigentlich zwei oder besser drei Bäume gepflanzt werden, damit nach einem 80-jährigen Menschenleben wirklich ein Baum für diesen Zweck zur Verfügung stehen kann.

In der globalisierten Produktionswelt werden nur die wenigsten Särge noch in Deutschland hergestellt. Viele Särge werden in Osteuropa geschreinert, weil dort geringere Löhne gezahlt werden. Selbst wenn der Sarg aus in Deutschland geschlagenem Holz gefertigt ist, wurde es tausende Kilometer im LKW hin und zurück transportiert mit entsprechend hohen Emissionen. Eine ähnlich hohe CO2-Bilanz haben importierte Särge aus Südostasien, die zwar aus schnell nachwachsenden Binsen oder Bambus gebunden werden, aber mit dem Schiff einmal um die halbe Welt nach Deutschland transportiert werden. Diese Emissionen stehen in keinem sinnvollen Verhältnis zu den Sargmaterialien.

Neue Sargmaterialien

Eine der bemerkenswertesten Innovationen der Bestattungsbranche wurde 2021 von der Firma Loop Biotech in Delft (Niederlande) entwickelt: Ein Sarg aus Pilzmyzel und Hanffasern. Er wächst in nur 7 Tagen und bildet eine sehr dichte und stabile Struktur. Tragegriffe aus Hanfgurten wachsen gleich mit ein. Danach trocknet der Sarg und die Pilze gehen in eine Ruhephase. Wenn der Sarg bestattet wird, erwachen die Pilze wieder und zersetzen das Sargmaterial in einigen Monaten und den darin liegenden Körper in wenigen Jahren. Die organischen Bausteine können vom Pilzmyzel und Mikroorganismen zerlegt und dem Boden wieder zur Verfügung gestellt werden. Damit kann dieser Sarg sogar zur Verbesserung, Sanierung und Wiederbelebung von ausgelaugten Friedhofsböden beitragen. Sinnvollerweise hat der bisher konkurrenzlose Hersteller getestet und sichergestellt, dass dieser Sarg auch für die Feuerbestattung genutzt werden kann.

Als weitere Alternative wird in einigen Ländern Zellulose (Pappe) für Kremationssärge diskutiert. In Deutschland ist das Material umstritten. Es hat zwar den Vorteil, dass es aus Altpapier hergestellt werden kann, aber es wird von vielen Krematorien abgelehnt, weil es zu schnell verbrennt. Für die Erdbestattung kommt Pappe nicht in Betracht, weil sie zu schnell durchweicht und zusammenfällt, was den Verwesungsprozess erschwert oder unter Umständen verhindert.

Fragen zur Sargpflicht

Weitergedacht müssen wir uns sicher fragen: Macht es wirklich Sinn, einen Baum zu fällen, um das Holz in einem Krematorium zu verbrennen? Viele Krematorien geben an, dass ein Sarg notwendig sei, einerseits um die Würde der Verstorbenen zu wahren und andererseits damit genug brennbares Material im Kremationsofen vorhanden ist. Neue, sehr schnell nachwachsende Materialien wie das oben beschriebene Pilzmyzel können diese Anforderungen nahtlos ersetzen. Zur Kenntnis nehmen müssen wir allerdings auch, dass in den Niederlanden viele Kremationen ohne Sarg durchgeführt werden. Dabei wird der in Tücher gehüllte Leichnam auf einer Bahre in den Kremationsofen geschoben.

Und noch weiter gedacht: Wollen wir es uns leisten, an der (Holz-)Sargpflicht festzuhalten? Die Ressource Holz wird knapper werden. Denn vom Klimawandel gestresste Wälder können gar nicht so schnell nachwachsen. Eigentlich sollten wir froh um jeden lebendigen Baum sein. Steigende Sterbezahlen aufgrund der stark alternden Gesellschaft und überwiegende Feuerbestattung in Deutschland werden neue Lösungen erfordern. Das gilt auch für die Erdbestattung.

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