Der Verkehrslärm klingt gedämpft, als hätte jemand die Lautstärke der Stadt heruntergedreht. Im Geäst alter Linden zwitschern Vögel ihr Konzert, ein Eichhörnchen hüpft freudig den Baumstamm nach oben, zwischen den Thujahecken gehen ein paar Menschen spazieren. Eine idyllische Szene, ein fast paradiesischer Rückzugsort. Die Rede ist nicht von einem Stadtpark, sondern vom Friedhof.
Mitten im urbanen Gefüge haben sich Friedhöfe nicht nur für gestresste Städter:innen zu kleinen Refugien entwickelt, sondern für Arten aller Art. Hier bleibt der Natur der Raum, der ihr anderswo oft fehlt. In Deutschland existieren rund 32.000 Friedhöfe mit einer Gesamtfläche von etwa 387 Quadratkilometern. Der Anteil von 1,1 Prozent an der städtischen Fläche mag gering erscheinen. Doch ihre (stadt-)ökologische Bedeutung ist gewaltig.
Wie Friedhöfe zu Lebensräumen wurden
Friedhöfe wurden seit dem 17. Jh vermehrt außerhalb der Stadtmauern angelegt, um die Toten von den Lebenden zu separieren. Durch das Wachstum der Städte hat sich diese Situation allmählich verändert: Was früher Randlage war, ist inzwischen vielerorts Teil dicht bebauter Innenstadtviertel geworden.
Diese Entwicklung verleiht den ‚letzten Ruhestätten‘ eine neue Bedeutung: Während andere städtische Grünflächen Neubebauung weichen mussten und viele Infrastrukturen permanent neugestaltet werden, blieb ihre Grundstruktur über Jahrhunderte weitgehend erhalten. Sie fungieren gewissermaßen als biologische Zeitkapsel. Diese Kontinuität schuf optimale Bedingungen für andernorts vom Aussterben bedrohte Arten: Bereits in den 1980er Jahren wurden auf Berliner Friedhöfen rund 690 spontan vorkommende Pflanzenarten nachgewiesen, darunter auch 128, die auf den Roten Listen gefährdeter Pflanzen stehen.1
Hobbyornithologen suchen Friedhöfe gezielt zur Sichtung seltener Vögel auf, doch auch bei einem zufälligen Friedhofsgang spitzt womöglich ein Igel aus der Blätterdecke hervor, oder man begegnet gar einem scheuen Reh. Dass Wildtiere sich wohlfühlen, liegt auch daran, dass es auf Friedhöfen kaum herumstreunende Hunde gibt, manche Friedhofsverwaltungen verbieten sie sogar gänzlich.
Das Mosaik der Biotope
Das Areal der andächtigen Ruhe und des Totengedenkens ist ein erstaunlich komplexer Lebensraum. Wer genauer hinsieht, entdeckt überall Spuren des Lebens: Eine Amsel hüpft durch das Gras, summende Wildbienen umschwirren Krokusse auf Grabfeldern, Efeu überschattet alte Grabsteine. Ökologisch betrachtet gleichen Friedhofsflächen einem bunten Mosaik. Verschiedene Vegetationstypen wie Hecken, Wiesenstreifen, Staudenpflanzungen, Baumgruppen und Grabbeete vereinen durch ihre Strukturvielfalt unterschiedliche Mikrohabitate auf engem Raum.
Licht und Schatten
Bestattungswälder erscheinen vielen Menschen als attraktive Alternative, doch beeindruckende Baumbestände prägen auch zahlreiche Friedhöfe. Viele Anlagen verfügen über knorrige Linden, Eichen oder Weiden, die seit Generationen gewachsen sind und eigene kleine Ökosysteme bilden: Bis zu 1000 Arten finden dort Unterschlupf, Futter- und Nistorte. Höhlen in den alten Stämmen bieten Brutplätze für Vögel, Fledermäuse nutzen sie als Tagesquartiere, und Insekten entdecken in der rauen Rinde geeignete Verstecke. Auch Flechten und Pilze profitieren von alten Baumstrukturen, sodass „Totholz“ eigentlich kaum zutreffend ist. Zahlreiche Friedhöfe reagierten auf den verbreiteten Wunsch, die letzte Ruhe unter einem Baum zu finden und bieten eigene Areale für Baumbestattungen an.
Ein weiterer Unterschied zu Parks fällt erst nach Sonnenuntergang auf: Viele Friedhöfe sind nachts unbeleuchtet, hier findet sich komplette Finsternis im Stadtraum. Diese geringe Lichtverschmutzung kommt besonders nachtaktiven Arten zugute.
Heimliche Bewohner – und wie man sie schützt
Der Artenreichtum der Tiere und Pflanzen bleibt auf den ersten Blick unbemerkt. Wildbienen nisten in offenen Bodenstellen, Käfer legen ihre Eier unter Steinen oder in morschem Holz ab. In den Fugen der alten Mauern wärmen sich Eidechsen, hier und an historischen Grabsteinen wachsen Moose und Flechten, denen die rauen Oberflächen eine gute Wachstumsgrundlage bieten.
Um in den Totenstädten Wohnraum für die genannten Spezies zu erhalten und zu mehren, gibt es leicht umzusetzende Maßnahmen: Auf Überhangsflächen können einheimische Bäume oder Stauden angepflanzt oder Blühwiesen angelegt werden. Durch das Errichten von Nistkästen, Sandaufschüttungen oder Insektenhotels können Klein- und Kleinstlebewesen unterstützt werden. Schon ein kleines Wasserschälchen auf dem Grabstein kann Igeln, Vögeln und Insekten als Tränke und zum Baden dienen.
Oft geht es aber gar nicht so sehr um das Tun als vielmehr das Unterlassen: Friedhofsgärtner:innen sollten auf regelmäßige Mahd und die Verwendung von Pestiziden oder Dünger verzichten. Auch wenn Totholzstapel oder Laubhaufen vielleicht zunächst etwas unordentlich aussehen, sollten sie bewusst unangetastet bleiben. Gerade die Tatsache, dass die Natur nicht durch gärtnerische Eingriffe zurechtgestutzt wird, erzeugt etwa bei historischen Friedhöfen eine besondere Aura, die vielfach als wildromantisch empfunden wird.
Für eine Sensibilisierung und Bewusstseinsförderung bei Verantwortlichen wie Interessierten setzen sich bundesweit Projekte wie „Der Friedhof lebt – Interreligiöse Archegärten in Deutschland“2, oder „Friedhöfe – Oasen für Pflanzen und Tiere“ ein, in dessen Rahmen eine Handreichung erarbeitet wurde.3
Der erste Schritt für Grabnutzende ist es, auf die Abdeckung der Grabfläche mit einer Grabplatte oder mit Kies zu verzichten. Diese Gestaltung verspricht Pflegeleichtigkeit, doch auch eine extensive Bepflanzung mit einheimischen und mehrjährigen Blühpflanzen muss keinen Mehraufwand bedeuten.
Grüne Lungen im Stadtraum
Neben ihrer Bedeutung für Flora und Fauna erfüllen Friedhöfe auch wichtige mikroklimatische Funktionen. Große Baumkronen spenden Schatten und verhindern eine starke Aufheizung des Bodens. Pflanzen verdunsten Wasser und tragen damit zur Kühlung der Umgebung ebenso wie zur Luftsäuberung bei. Dadurch, dass große Teile der Friedhofsflächen unversiegelt sind, kann Regenwasser im Boden versickern. Gerade in dicht bebauten Stadtteilen können solche Grünräume zu wichtigen klimatischen Ausgleichsflächen werden, was angesichts des Klimawandels immer wichtiger werden wird. Diese sogenannten ‚Ökosystemleistungen‘ von Friedhofsarealen finden zunehmend auch in der Stadtplanung Berücksichtigung.
Wie Erinnerung und Natur zusammenfinden
Dabei sind Friedhöfe natürlich nicht nur Hotspots für Biodiversität, sondern auch Gedenkorte und kulturell erschlossene Räume. Die parkähnliche Landschaftsgestaltung, die Möglichkeit des unmittelbaren Naturerlebens und die vergleichsweise geringe Frequentierung kommen auch den ästhetischen und emotionalen menschlichen Bedürfnissen zugute.
Durch ihre besondere kontemplative Atmosphäre werden sie nicht nur von Zugehörigen, sondern auch von Besucher:innen aufgesucht, denen die Abschottung vom Alltag durch die Friedhofsmauer Erholung und Ruhe verspricht. So berichten zahlreiche Studien von den positiven Effekten von Friedhofsbesuchen auf das seelische Wohlbefinden.4
Wer den Friedhof lediglich als einen Ort des Abschieds und der Trauer betrachtet, übersieht damit einen wichtigen Aspekt: In vielen Städten begegnet sich dort menschliches und nicht-menschliches Leben. Mitten im urbanen Raum gibt es etwas, das fast verloren schien – ein kleines Stück grünes Paradies. Um daraus nicht vertrieben zu werden, lohnt es sich, diese biologische und kulturelle Vielfalt zu würdigen und zu erhalten.
- Graf, A. (1986). Flora und Vegetation der Friedhöfe in Berlin (West). Berlin: Verhandlungen des Berliner Botanischen Vereins, 5. ↩︎
- https://der-friedhof-lebt.de ↩︎
- https://www.anl.bayern.de/publikationen/doc/flyer_friedhoefe.pdf ↩︎
- Straka, T. M., Mischo, M., Petrick, K. J., & Kowarik, I. (2022). Urban cemeteries as shared habitats for people and nature: Reasons for visit, comforting experiences of nature, and preferences for cultural and natural features. In Land, 11(8), 1237. ↩︎



