Finanziell arm heißt nicht sozial arm
Der Umgang mit Armut und wie arme Menschen bestattet werden, wird in unserer Gesellschaft oft individualisiert. Das heißt, es wird davon ausgegangen, arme Menschen wären selbst an ihrer Lage schuld, oder wären faul oder willenlos. Diese leistungs- und kapitalorientierte Sichtweise ist nicht nur ethisch und moralisch fragwürdig, weil es genügend Jobs gibt, in denen Menschen sehr viel arbeiten und sehr wenig Geld dafür bekommen. Diese Annahme ignoriert auch völlig, dass von Armut betroffene Menschen natürlich auch Freunde und Familie haben, für die sie bedeutsam sind, denen sie Halt und Unterstützung geben, Freude machen, Zugehörigkeit bedeuten. Auch sie werden vermisst und betrauert, wenn sie sterben.
Menschliches Leben besteht nicht nur aus monetär bewertbarer (Lohn-)Arbeit. Eine „Lebensleistung“ besteht auch aus zwischenmenschlicher Bedeutung, daraus, füreinander zu sorgen und da zu sein, aus „brotloser Kunst“. Die Welt ist voll von materiell „erfolglosen“ Künstler:innen, deren Kunst aber unzählige Herzen und Köpfe berührt, Mut und Freude macht. Ein berühmtes Beispiel ist der Musiker W. A. Mozart (1756-1791), der mit seiner genialen Musik schon zu Lebzeiten eine Legende war und trotzdem wegen mangelnder finanzieller Mittel anonym in einem Massengrab begraben wurde. Sein Erbe für die Menschheit ist wohl unbestritten bekannter und freudvoller erinnerbar als das Tun von manchem König, der mit Prunk und Pomp bestattet wurde.
Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, sind trotzdem soziale Wesen. Sie sind vernetzt in Nachbarschaften, in Wohnheimen, Wärmestuben oder auf der Straße. Dem physischen Tod geht nicht unbedingt ein sozialer Tod voraus.1
Eine Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit ihren Toten umgeht.
Warum? Weil es alle betrifft, denn wir alle sind sterblich und verlieren alle irgendwann einen nahen Menschen. Weil sich im Abschied überdeutlich zeigt, wie viel uns ein Menschenleben wert war – nicht unbedingt materiell, sondern im Innehalten und in der Art und Weise des Abschieds. Eine Bestattung ist eben nicht nur eine Versorgung unserer sterblichen Hülle, sondern auch der Abschied von einem unwiederbringlichen persönlichen Kosmos.
Es wird sichtbar, wie viel Scham, Tabu und Verletzlichkeit mit dem Thema verbunden ist, welche kulturellen Praktiken unter welchen Umständen erlaubt sind (manchmal liegen nur ein paar Meter zwischen akzeptiertem und geächtetem Alkoholkonsum) und welche gesellschaftlichen Normen erfüllt werden müssen, um erinnert zu werden.
Was eine „würdevolle“ Bestattung ausmacht, ist vielleicht nicht unbedingt die Wahl zwischen Eichen- oder Kiefernholz für den Sarg. Aber Abschied nehmen und Gemeinschaft erleben zu können, das macht einen Unterschied. Verstorbene nicht als Entsorgungsfall zu depersonalisieren, das ist entscheidend. Und es ist bedeutsam, die Tatsache anzuerkennen, dass Bestattungsarbeit von Menschen geleistet wird. Denn wenn nur der niedrigste Preis zählt, hat das auch Auswirkungen auf Arbeitsbedingungen.
Initiativen und gesellschaftliche Visionen
Es gibt spendenfinanzierte Initiativen wie das Grab mit vielen Namen auf dem Friedhof vor dem Halleschen Tor in Berlin. Dort hat die Kreuzberger Kirchengemeinde „Heilig Kreuz-Passion“ 2003 eine Beerdigungsstätte für Mittel- und Obdachlose aus der Gemeinde geschaffen, es ist die einzige dieser Art in Berlin. Auf einem großen gemeinsamen Grabmal sind die Namen eingraviert.
Seit 2015 werden in Hamburg bei ordnungsbehördlichen Bestattungen die Namen und Lebensdaten auf den Gräbern installiert. Pastor:innen halten Andachten bei den Gruppenbeisetzungen. 2024 wurde der Pfad der Erinnerung auf dem Öjendorfer Friedhof in Hamburg eingeweiht – eine Gedenkstätte für Verstorbene, die ohne Angehörige beigesetzt werden. Mehrere Behörden, der Senat und die Hamburger Friedhöfe haben ihn gemeinsam realisiert.
Auf dem Friedhof in München-Perlach wurde ein eigenes Gräberfeld ausschließlich für verstorbene Obdachlose der Stadt angelegt. Als zentraler Gedenk- und Trauerort, der einfach zugänglich und bekannt ist, kann er wie ein Familiengrab wahrgenommen werden.
In manchen Gemeinden begleiten kirchliche und ehrenamtliche Initiativen zum Grab. Und es gibt private Aktivitäten wie Grabpartymoos von MALI Berlin und dem Bestattungshaus „Ab unter die Erde“, die mittellosen Hinterbliebenen eine würdige Abschiedsfeier für ihre verstorbenen Liebsten finanzieren.
Verstorbene müssen bestattet werden, das ist klar. Wie sie verabschiedet werden sollen, darüber müssen wir gesellschaftlich sprechen, zustimmungsfähige Maßstäbe und menschenfreundliche Lösungen finden. Denn Verluste und Trauer, die nicht anerkannt und verarbeitet werden können, verhindern eine Kultur, in der offen über den Tod gesprochen und ein aufgeklärter, empathischer Umgang damit gefunden werden kann.
Vorsorge – einer von 1.000 guten Gründen, über den Tod zu sprechen
Nur ein sehr kleiner Teil der Gesellschaft kann mit absoluter Sicherheit von sich behaupten, niemals in eine Lage kommen zu können, in der das Konto nicht mehr gut gefüllt ist. Und: Ein einsamer Tod hat nicht unbedingt etwas mit Armut zu tun.
Das sind nur 2 von 1.000 guten Gründen, über die letzten Dinge nachzudenken und sie mit vertrauten Menschen zu besprechen, Kontakte und Netzwerke aufrecht zu erhalten oder zu bauen.
Ob man wenig Geld hat oder viel, ob man mit der eigenen Ursprungsfamilie keinen guten Kontakt hat oder keine Familie mehr hat und in Wahlverwandtschaften lebt – Wünsche bezüglich der eigenen Bestattung sollte man schriftlich festhalten, gegebenenfalls eine Verfügung zur Übertragung der Totenfürsorgerechte verfassen und Vertrauenspersonen darüber informieren. Denn dieser „letzte Wille“ ist auch Behörden gegenüber maßgebend, vor allem bei der Wahl der Bestattungsform. Durch eine Übertragung der Totenfürsorgerechte können auch die Vertrauenspersonen finanzielle Hilfe beantragen.
Eine andere Möglichkeit ist, eine Bestattungsvorsorge abzuschließen. Mit einem Vorsorgevertrag wird festgehalten, wie die Bestattung aussehen soll. Das Geld dafür wird auf einem Treuhandkonto angelegt und ist dort auch sicher vor staatlichem Zugriff, wenn man in eine finanzielle Notlage geraten sollte. Ein Vorsorgevertrag gilt nicht als Vermögen, das erst aufgebraucht werden muss, bevor Sozialhilfe gezahlt wird. Bestattungsvorsorge hat noch weitere Vorteile. Es ist ein guter Anlass, um Bestattungshäuser und deren Mitarbeiter:innen einmal kennenzulernen, Fragen zu stellen und sich für eines zu entscheiden, dem man vertraut. Außerdem können Freund:innen oder Nachbar:innen, die darüber Bescheid wissen, im Sterbefall die Behörden und das Bestattungshaus informieren. Und sie können mit der/dem Bestatter:in gemeinsam den Abschied gestalten ohne Auftraggeber (und damit zahlungspflichtig) zu sein.
Ein gemeinschaftlicheres Modell
Bei allen vorgenannten Möglichkeiten bleibt das Thema Bestattung eine persönlich zu lösende Aufgabe. Ein Beispiel für ein gemeinschaftlicheres Modell für den Umgang mit Verstorbenen kann man in der Schweiz sehen. In größeren Städten wie Zürich, Basel oder St. Gallen übernehmen Bestattungsämter für alle dort gemeldeten Einwohner:innen die Grundleistungen der Bestattung: Sarg, Totenhemd, Totenversorgung, Überführung, Feuer- oder Erdbestattung.
Aus unserer kreiswärts-Sicht hat ein solches Modell viele Vorteile. Gemeinschaftliche Verantwortungsübernahme für die Daseinsvorsorge, keine Ausgrenzung von armen Menschen und Gestaltung einer schlichten und würdevollen Abschiedskultur für alle. Auch die aufwändige, beschämende und manchmal strittige Individualprüfung durch die Sozialämter2 wären bei solch einer Lösung nicht mehr notwendig und ordnungsbehördliche Bestattungen ebenfalls nicht.
Und nicht zuletzt wäre ein Einfluss zugunsten biologisch abbaubarer, plastikfreier und erneuerbarer Materialien und umweltfreundlicher Abläufe möglich. Eine nachhaltige Bestattung könnte dadurch der Standard werden.
Der erste Teil dieses Artikels findet sich hier.
- Schätzungsweise gibt es bei mindestens 40% der ordnungsbehördlichen Bestattungen trauernde An- und Zugehörige. Die Gründe für einen anonymen Tod sind vielfältig und müssen nicht unbedingt etwas mit Armut zu tun haben. (Francis Seeck: Recht auf Trauer, Bestattungen aus machtkritischer Perspektive, Münster 2017, S. 97) ↩︎
- Die Verbraucherinitiative Aeternitas e.V. engagiert sich seit Jahrzehnten dafür, dass ein bundesweit einheitlicher Leistungskatalog eingesetzt wird. Dann müssten Behörden nicht mehr jeden Fall individuell prüfen und Hinterbliebene würden nicht mehr in prekären und verletzlichen Lebenslagen drangsaliert. https://www.aeternitas.de/verein/ueber-uns/positionspapiere/details/sozialbestattungen (zul. abgerufen am 17.1.2026) ↩︎


