Baumkronen
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Naturbestattung: Natürlich, naturnah und nachhaltig?

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Eine Begriffsklärung

Schaut man sich auf Webseiten der Bestattungsbranche um, so findet man sich schnell in einem vielfältigen Angebotsdschungel wieder, der das Gefühl vermittelt, beinahe alles handele sich hier um reine Natur.

Naturbestattung – Beisetzung in der Natur

Marketing verspricht viel: „Naturnah“ oder „Naturbestattung“ steht oft in Beschreibungen von Beisetzungen in Bestattungswäldern, von Ascheverstreuungen in den Dünen, in Flüssen, auf Bergen oder Almwiesen. Die Urne oder die Asche wird „in der Natur“ beigesetzt. Auch eine Baumbestattung, bei der die Urne unter einem Baum begraben wird oder eine Seebestattung, bei der eine wasserlösliche Urne im Meer versenkt wird, findet „in der Natur“ statt. Für Hinterbliebene kann das enorm tröstlich sein, denn natürliche Umgebungen vermitteln Verbundenheit, geben Halt und weiten die Perspektive.

Wenn eine Beisetzung in der Natur durchgeführt wird, kann sie psychologisch nachhaltig sein – ökologisch nachhaltig ist sie dadurch aber nicht unbedingt. Aus dem Blick verschwindet, dass jeder Aschebeisetzung zunächst eine Feuerbestattung vorausgeht. Dieser Vorgang ist weder naturnah noch nachhaltig, denn Kremationsöfen werden mithilfe von Erdgas oder in selteneren Fällen Biogas befeuert und dabei entsteht unvermeidlich eine Menge CO2 und Giftstoffe.

Jeder Transport bedeutet zusätzliche Ressourcennutzung, weswegen man auch Begräbniswälder nicht als nachhaltiger und naturnäher bezeichnen kann als einen Stadtteilfriedhof mit einem sinnvollen Nachhaltigkeitskonzept und extensiv gepflegten Gemeinschaftsgräbern. Auch Schiffsdiesel für eine Seebestattung ist bekanntermaßen kein nachhaltiger, erneuerbarer oder schadstoffloser Antrieb und es braucht eine Menge Diesel, um ein Schiff zu bewegen.

Naturnah

Nun könnte man „naturnah“ auch so lesen, dass eine Bestattungsart nah an dem Vorgang wäre, wie tote Körper in der Natur vergehen. Wenn Landlebewesen sterben, werden sie vor allem auf oder in den obersten Bodenschichten von den Zersetzungshelfern in Empfang genommen. In den Niederlanden gibt es tatsächlich etwas, das als Naturbestattung bezeichnet werden kann: Der in Tücher gehüllte Leichnam wird ohne Sarg in ein nur ca. 60 cm tiefes Grab gelegt. In Deutschland jedoch muss ein Erdgrab für Menschen gesetzlich vorgeschrieben 180-220cm tief sein. In dieser Tiefe sind die Bedingungen für eine Verwesung selbst für reine Naturmaterialien wesentlich schwieriger, sodass man auch hier nicht von einer Naturbestattung sprechen kann.

Nachwachsend – natürlich – biologisch abbaubar

Bei den Materialien ist eine ähnliche Verwirrung zu sehen. Sie können grob in vier Gruppen eingeteilt werden:

  • Nachwachsende Naturmaterialien, die kompostierbar sind:
    z.B. Pflanzenfasern (z.B. Holz, Papier, Leinen, Baumwolle), tierische Fasern (Wolle, Seide), Pilze, Biopolymere (Lignin, Algen)
  • Natürliche Materialien, die nicht kompostierbar sind:
    z.B. Keramik, Stein, Metall, Glas
  • Kunststoffe aus natürlichen Rohstoffen, die bedingt biologisch abbaubar sind:
    z.B. Bioplastik wie Polylactide/PLA
  • Kunststoffe, die nicht abbaubar sind:
    z.B. Polyester/PE, Polyacryl/PA, Lacke, Hartplastik

Biologisch abbaubar vs. kompostierbar

Biologische Abbauprozesse brauchen immer bestimmte Bedingungen wie Temperatur, Feuchtigkeit, Sauerstoff, denn an Zersetzung sind Lebewesen beteiligt: Bakterien, Mikroorganismen, Pilze, die Zellstrukturen aufbrechen und die Bestandteile verdauen. Nachwachsende, nicht synthetisierte Naturmaterialien haben in Abhängigkeit von den Umgebungsbedingungen unterschiedliche Abbauzeiten, können aber im Erdboden sicher zersetzt werden und richten keinen Schaden an. Das ist bei synthetischen Materialien wie Polyester nicht möglich und bei den als „biologisch abbaubar“ gekennzeichneten Bioplastik-Varianten aus der Gruppe Polylactide/PLA nur unter bestimmten Bedingungen möglich, z.B. in industriellen Kompostieranlagen bei hohen Temperaturen (60°C). Im Erdboden geschieht das nicht.

Ein so zertifiziertes Material eignet sich daher nicht für die Kompostierung im Erdboden. Jeder, der einmal versucht hat, einen „biologisch abbaubaren“ Plastikbeutel aus PLA auf dem eigenen Komposthaufen im Garten zu entsorgen, hat ihn beim Umsetzen des Kompostes wiedergefunden, möglicherweise etwas degradiert. Das bedeutet, es ist zerfallen in kleinere Teile – zum Schluss bleibt sogenanntes Mikroplastik, das für Boden- genauso wie für Wasserlebewesen und letztlich auch für Menschen schädlich ist. Zusätzlich verwirrend ist hier sicher auch, dass PLA zum Beispiel aus Maisstärke, einem nachwachsenden Rohstoff, hergestellt wird.

Genau hinschauen muss man auch bei Verbundstoffen wie zum Beispiel Materialien, die für 3D-Druck verwendet werden. Auch wenn sie zum Großteil aus Pflanzenfasern bestehen, müssen diese mit einem Filamentstoff „zusammengeklebt“ werden und dieser besteht meist aus PLA.

Biobasierte Kunststoffe, die wirklich kompostierbar sind

Es gibt vielversprechende Forschungserfolge zu neuen Materialien auf Basis von pflanzlichen Resten aus der Agrarwirtschaft oder Algen, die ähnliche Eigenschaften wie erdölbasiertes Plastik besitzen. Solche natürlichen Biopolymere könnten Folien und Einmalprodukte ersetzen, aber sie sind noch nicht im großen Maßstab verfügbar.

Derzeit müssen wir also davon ausgehen, dass jeglicher Kunststoff – auch PLA –, der beerdigt wird, nur zu Mikroplastik zerfällt. Es ist dann für das Auge vielleicht nicht mehr sichtbar, aber es ist eben nicht unschädlich in den Kreislauf zurückgegangen.

Was eine naturnahe Bestattung zu einer nachhaltigen Bestattung machen kann, haben wir hier aufgelistet.

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