Die Messe „Leben und Tod“ ist eine zweitägige Ausstellungs- und Vernetzungsplattform für haupt- und ehrenamtliche Professionen, die Menschen am Lebensende begleiten. Gleichzeitig ist sie ein niedrigschwelliges Informationsangebot für die interessierte Öffentlichkeit. Hier kann man Trauerbegleiter:innen, Therapeut:innen und Hospizarbeiter:innen, Musiker:innen und Redner:innen treffen und ihre Arbeit kennenlernen. Innovative Unternehmen stellen Neuentwicklungen vor, zum Beispiel Urnen aus nachhaltigen Materialien, bestickte Totentücher aus Baumwolle, Apps für die digitale Vorsorgemappe.
kreiswärts zum ersten Mal live erlebbar
Die Messe war ein ideales Umfeld, um unsere Arbeit zum ersten Mal live zu präsentieren.1 Da kreiswärts eine Informationsplattform ist, folgte unser Stand nicht dem klassischen Ausstellungskonzept. Uns ging es darum, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen sich dem Thema „nachhaltige Bestattung“ auf eigene Weise nähern konnten, ohne Verkaufsdruck, aber mit konkreten Anknüpfungspunkten. Dafür haben wir mit unterschiedlichen Formaten gearbeitet. Die Fun- und Cry-Facts, die man am Glücksrad gewinnen konnte, dienten als spielerischer Einstieg ins Gespräch. Sie vermittelten nicht nur überraschende positive oder negative Fakten, sondern legten wortwörtlich ein Samenkorn zum Weiterdenken in die Hand der Gewinner:innen. Auf der Rückseite fanden sich nämlich Radieschensamen zum Einpflanzen. Auf der Vorderseite führten QR-Codes zu vertiefenden Blogartikeln.
Ergänzend dazu lieferte unsere Materialbar einen haptischen Zugang. In zwei Kästen hatten wir gängige Materialien wie Polyester, Plastikfolien, PLA oder lackiertes Holz direkt nachhaltigen Alternativen wie Pilzmyzel, Kohle oder Naturtextilien gegenübergestellt. Infotafeln legten deren Auswirkungen auf die Umwelt dar und luden zum Vergleich ein.
Das enorme Interesse an unseren Themen hat uns überwältigt. Wir hatten großartige Begegnungen und sehr aufmerksame Zuhörer:innen, die uns zu den weitläufigen Themen der Nachhaltigkeit ausgefragt haben. Am Samstagabend waren wir leer geredet, heiser und zufrieden.

Zwei wiederkehrende Themen aus den Messetagen wollen wir hier etwas ausführlicher besprechen.
1. Unwissenheit und schlechte Verfügbarkeit von Informationen
Sehr viele Menschen haben uns gesagt, dass sie sich entweder noch nie Gedanken um Nachhaltigkeit in der Bestattung gemacht haben oder über das Ausmaß der Herausforderungen keine Vorstellung hatten. Das Interesse und der Wunsch, nachhaltige Produkte und Verfahren kennenzulernen, waren genauso groß wie das Entsetzen über die umweltschädlichen Konsequenzen mancher gängigen Bestattungsprodukte. Kein Mensch wünscht sich Produkte oder Verfahren, die Schaden anrichten. Deshalb sehen wir in unserem selbstgestellten Auftrag bestärkt, weiterhin gut recherchierte Informationen zur Verfügung zu stellen und das Sprechen über Nachhaltigkeit zu fördern.
Unser Nachhaltigkeits-Fächer, den wir als Prototyp dabeihatten, geht genau darauf ein und ist auf reges Interesse gestoßen. Auf zehn auffächerbaren Kärtchen finden sich zehn Möglichkeiten, eine Bestattung nachhaltig zu gestalten und zehn Kriterien, die nachhaltige Produkte oder Verfahren als solche erkennbar machen. Er hilft Menschen, die in der Ausbildung tätig sind, die Kundengespräche führen oder Angehörige beraten, einen niedrigschwelligen Kommunikationsanlass zu schaffen.
2. Die veränderungswirksame Verantwortung der Hersteller
Auch wenn wir alle an vielen kleinen Stellschrauben justieren und nachhaltige Entscheidungen treffen können, liegt der große Hebel nicht bei den Endkund:innen und auch nicht bei den wunderbaren Pionieren, die Urnen aus Papier, Dinkelspelz oder Baumwolle anbieten. Der veränderungswirksame Hebel – und damit die Verantwortung – liegt bei den Herstellern und Vertriebsfirmen von Bestattungsbedarf. Denn sie produzieren in wirklich großen Mengen und rüsten damit den größten Teil der jährlich 1 Million Bestattungen in Deutschland aus.
Wie wir anhand der Materialproben immer wieder erklärten, können Angehörige einige Dinge, die bei einer Bestattung verwendet werden, kaum oder gar nicht beeinflussen. Dazu gehören zum Beispiel Folien, mit denen ein Sarg ausgekleidet wird, Füllungen von Sargmatratzen, Kissen und Decken, sowie Stoffe, die für diese Decken verwendet werden. Aber auch Aschekapseln aus PLA, die direkt im Krematorium befüllt werden, Acrylfarben, Lacke und Plastikschrauben an Särgen, Steckschaum und Heißkleber im Blumenschmuck.
Da das Plastikproblem hinreichend bekannt ist, sind die Hersteller in der Pflicht, ihre Produkte weiterzuentwickeln und Materialien zu suchen, die keinen Schaden anrichten. Ihre Aufgabe ist es, vorhandenes Wissen anzuwenden und Entwicklungspartnerschaften aufzubauen, um bestehende Probleme zu lösen.
Endverbraucher:innen müssen vertrauen dürfen, in einer emotionalen Ausnahmesituation Produkte angeboten zu bekommen, die unschädlich sind.
Und auch Bestatter:innen sollten nicht unbedingt diejenigen sein müssen, die recherchieren, prüfen, nachforschen. Auch sie sollten sich auf die Produkte verlassen können und ihre Kraft für die Versorgung von Toten und die Organisation guter Abschiede einsetzen.
„Warum gibt es das denn noch?“
Oft hörten wir an unserer Material-Bar die Frage: „Warum gibt es das denn noch?“, wobei die mit Polyesterwatte gefüllte Polyesterdecke mit spitzen Fingern hochgehalten wurde. Wir konnten nur mit den Schultern zucken. Ja, warum nur?
Viele Produkte aus Polyester haben gerade im Bestattungsbereich weder eine Notwendigkeit noch eine sinnvolle Funktion. Anders als zum Beispiel Funktionskleidung für den Outdoorbereich, die lange wasser- und winddicht bleiben soll, hat Bestattungswäsche eine gegenteilige Funktion. Sie soll den toten Körper einhüllen oder bedecken und schnell vergänglich sein. Das gilt auch für die Kremation – hier sollen Stoffe rückstandsfrei und ungiftig verbrennen.
Ein einziges Produkt hat derzeit noch ein nachvollziehbares Einsatzgebiet: Sargauskleidungsfolie, damit keine Flüssigkeiten austreten. Da wir in Deutschland eine Sargpflicht haben, ist gerade hier eine zielgerichtete Suche nach einer echten Alternative der dringendste Auftrag an die Hersteller.
Unsere Vision:
Ein 5-Jahres-Ziel für die Bestattungsbedarfsindustrie
Der Produktstandard muss im Einklang mit den Kreislaufprozessen unseres Planeten stehen.
Daraus folgt:
- Keine Produkte mehr aus Kunststoffen (PE, PLA) herstellen, die explizit am oder im Sarg verbleiben oder im Erdboden begraben werden.
- In Innovationen investieren, die z.B. PE/PLA-Sargfolien oder PLA-Urnen durch echte Alternativen ersetzen, nämlich Materialien, die unter Erdboden-Bedingungen vollständig und rückstandslos biologisch abgebaut werden.
Es gibt schon Unternehmen, die passende Materialien und Grundstoffe entwickelt haben. Nun müssen nur noch Verfahren und Geschäftsmodelle entwickelt werden, um daraus Produkte im industriellen Maßstab herstellen zu können.
- mit dankenswerter Unterstützung durch die FUNUS-Stiftung ↩︎


